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Gedichte

Die Freuden

 

Es flattert um die Quelle

Die wechselnde Libelle,

Mich freut sie lange schon;

Bald dunkel und bald helle,

Wie der Chamäleon,

Bald rot, bald blau,

Bald blau, bald grün;

O dass ich in der Nähe

Doch ihre Farben sähe!

 

Sie schwirrt und schwebet, rastet nie!

Doch still, sie setzt sich an die Weiden.

Da hab ich sie! Da hab ich sie!

Und nun betracht ich sie genau

Und seh ein traurig dunkles Blau -

 

So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden!

 

 

 

 

 

 

Es lehrt ein großer Physikus

Mit seinen Schulverwandten:

"Nil luce obscurius!" -

Jawohl, für Obskuranten!

 

Aus: Gedichte. Nachlese

 

 

 

 

 

Einheit ewigen Lichts zu spalten,

Müssen wir für törig halten,

Wenn euch Irrtum schon genügt.

Hell und Dunkel, Licht und Schatten,

Weiß man klüglich sie zu gatten,

Ist das Farbenreich besiegt.

 

Aus: Zahme Xenien VI

 

 

 

 

 

Freunde, flieht die dunkle Kammer,

Wo man euch das Licht verzwickt

Und mit kümmerlichstem Jammer

Sich verschrobnen Bildern bückt.

Abergläubische Verehrer

Gab's die Jahre her genug,

In den Köpfen eurer Lehrer Lasst

Gespenst und Wahn und Trug.

 

Wenn der Blick an heitern Tagen

Sich zur Himmelsbläue lenkt,

Beim Sirok der Sonnenwagen

Purpurrot sich niedersenkt,

Da gebt der Natur die Ehre,

Froh, an Aug und Herz gesund,

Und erkennt der Farbenlehre

Allgemeinen, ewigen Grund.

 

Aus: Zahme Xenien VI

 

 

 

61

 

Hörst du reine Lieder singen,

Ohr ist eins mit deiner Brust;

Siehst du Farben um dich klingen,

Wirst du deines Augs bewusst.

In das Innere zu dringen,

Gibt das Äußre Glück und Lust.

 

 

78

 

Weiß hat Newton gemacht aus allen Farben. Gar manches

Hat er euch weisgemacht, das ihr ein Säkulum glaubt.

 

Aus: Epigramme, Venedig 1790

 

 

Die Zergliederer

 

Spaltet immer das Licht! Wie öfters strebt ihr zu trennen,

Was euch allen zum Trutz eins und ein Einziges bleibt.

 

Aus: Xenien und Votivtafeln

 

 

Licht und Farbe

 

Wohne, du ewiglich Eines, dort bei dem ewiglich Einen,

Farbe, du wechselnde, komm freundlich zum Menschen herab.

 

Aus: Xenien und Votivtafeln

 

 

Wer glaubts?
 

"Newton hat sich geirrt?" Ja, doppelt und dreifach! Und wie denn?

Lange steht es gedruckt, aber es liest es kein Mensch.

 

Aus: Xenien und Votivtafeln

 

 

Menschlichkeiten

 

Leidlich hat Newton gesehen und falsch geschlossen, am Ende

Blieb er, ein Brite, verstockt, schloß er, bewies er so fort.

 

Aus: Xenien und Votivtafeln

 

 

Und abermals Menschlichkeiten

 

Seine Schüler hörten nun auf, zu sehn und zu schließen,

Referierten getrost, was er auch sah und bewies.

 

Aus: Xenien und Votivtafeln

 

 

Neueste Farbentheorie von Wünsch

 

Gelbrot und grün macht das Gelbe, grün und viol-blau das Blaue!

So wird aus Gurkensalat wirklich der Essig erzeugt!

 

Aus: Xenien

 

 

 

Gott, heißt es, schied die Finsternis vom Licht,

Doch mocht es ihm nicht ganz gelingen,

Denn wenn das Licht in Farben sich erbricht,

Mußt es vorher die Finsternis verschlingen.

 

Wer aber das Licht in Farben will spalten,

Den mußt du für einen Affen halten.

Sie sagen's auch nur, weil sie's gelernt;

Das Untersuchen ist weit entfernt.

 

Einer machte das Hokuspokus,

Die andern fanden's großen Jokus

Und tanzen nun zu unsrer Plag

Taranteltanz bis auf diesen Tag.

 

Aus: Gedichte. Nachlese

 

 

 

 

 

Was es gilt

Dem Chromatiker

 

Bringst du die Natur heran

Daß sie jeder nutzen kann;

Falsches hast du nicht ersonnen,

Hast der Menschen Gunst gewonnen.

 

Möget ihr das Licht zerstückeln,

Farb' um Farbe draus entwickeln,

Oder andre Schwänke führen,

Kügelchen polarisieren,

Daß der Hörer ganz erschrocken

Fühlet Sinn und Sinne stocken:

Nein! Es soll euch nicht gelingen,

Sollt uns nicht beiseite bringen;

Kräftig wie wir's angefangen,

Wollen wir zum Ziel gelangen.

 

 

Aus: zur Naturwissenschaft überhaupt 1817

 

 

 

Entoptische Farben

 

An Julien

 

Laß dir von den Spiegeleien

Unsrer Physiker erzählen,

Die am Phänomen sich freuen,

Mehr sich mit Gedanken quälen.

 

Spiegel hüben, Spiegel drüben,

Doppelstellung, auserlesen;

Und dazwischen ruht im Trüben

Als Kristall das Erdewesen.

 

Dieses zeigt, wenn jene blicken,

Allerschönste Farbenspiele;

Dämmerlicht, das beide schicken,

Offenbart sich dem Gefühle.

 

Schwarz wie Kreuze wirst du sehen,

Pfauenaugen kann man finden;

Tag und Abendlicht vergehen,

Bis zusammen beide schwinden.

 

Und der Name wird ein Zeichen,

Tief ist der Kristall durchdrungen:

Aug in Auge sieht dergleichen

Wundersame Spiegelungen.

 

Laß den Makrokosmos gelten,

Seine spenstischen Gestalten!

Da die lieben kleinen Welten

Wirklich Herrlichstes enthalten.

 

 

Herkömmlich

 

Priester werden Messe singen,

Und die Pfarrer werden pred'gen;

Jeder wird vor allen Dingen

Seiner Meinung sich entled'gen

Und sich der Gemeine freuen,

Die sich um ihn her versammelt,

So im Alten wie im Neuen

Ohngefähre Worte stammelt.

Und so lasset auch die Farben

Mich nach meiner Art verkünden,

Ohne Wunden, ohne Narben,

Mit der läßlichsten der Sünden.

 

 

Allerdings

Dem Physiker

 

"Ins Innre der Natur -"

O du Philister! -

"Dringt kein erschaffner Geist."

Mich und Geschwister

Mögt ihr an solches Wort

Nur nicht erinnern: Wir denken:

Ort für Ort Sind wir im Innern.

"Glückselig, wem sie nur

Die äußre Schale weist!"

Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,

Ich fluche drauf, aber verstohlen;

Sage mir tausend tausend Male:

Alles gibt sie reichlich und gern;

Natur hat weder Kern Noch Schale,

Alles ist sie mit einem Male.

Dich prüfe du nur allermeist,

Ob du Kern oder Schale seist.

 

 

Ultimatum

Und so sag ich zum letzten Male:

 

Natur hat weder Kern

Noch Schale;

Du prüfe dich nur allermeist,

Ob du Kern oder Schale seist!

 

"Wir kennen dich, du Schalk!

Du machst nur Possen;

Vor unsrer Nase doch

Ist viel verschlossen."

 

Ihr folget falscher Spur,

Denkt nicht, wir scherzen!

Ist nicht der Kern der Natur

Menschen im Herzen?

 

 

Wiederfinden

 

Ist es möglich, Stern der Sterne,

Drück ich wieder dich ans Herz!

Ach! was ist die Nacht der Ferne

Für ein Abgrund, für ein Schmerz!

Ja, du bist es! meiner Freuden

Süßer, lieber Widerpart;

Eingedenk vergangner Leiden

Schaudr' ich vor der Gegenwart.

 

Als die Welt im tiefsten Grunde

Lag an Gottes ew'ger Brust,

Ordnet' er die erste Stunde

Mit erhabner Schöpfungslust,

Und er sprach das Wort: Es werde!

Da erklang ein schmerzlich Ach!

Als das All mit Machtgebärde

In die Wirklichkeiten brach.

 

Auf tat sich das Licht! sich trennte

Scheu die Finsternis von ihm,

Und sogleich die Elemente

Scheidend auseinanderfliehn.

Rasch in wilden, wüsten Träumen

Jedes nach der Weite rang,

Starr, in ungemessnen Räumen,

Ohne Sehnsucht, ohne Klang.

 

Stumm war alles, still und öde,

Einsam Gott zum erstenmal!

Da erschuf er Morgenröte,

Die erbarmte sich der Qual;

Sie entwickelte dem Trüben

Ein erklingend Farbenspiel,

Und nun konnte wieder lieben,

Was erst auseinanderfiel.

 

Und mit eiligem Bestreben

Sucht sich, was sich angehört,

Und zu ungemessnem Leben

Ist Gefühl und Blick gekehrt:

Sei's Ergreifen, sei es Raffen,

Wenn es nur sich fasst und hält!

Allah braucht nicht mehr zu schaffen,

Wir erschaffen seine Welt.

 

So mit morgenroten Flügeln

Riss es mich an deinen Mund,

Und die Nacht mit tausend Siegeln

Kräftigt sternenhell den Bund.

Beide sind wir auf der Erde

Musterhaft in Freud und Qual,

Und ein zweites Wort: Es werde!

Trennt uns nicht zum zweitenmal.