IV. Rekapitulation

72.

Ich wiederhole nunmehr kürzlich teils die Erfahrungen selbst, teils diejenigen Sätze, welche unmittelbar daraus folgen. Die Ordnung, wie sie hier hintereinander stehen, ist mehr oder weniger willkürlich, und es wird mir angenehm sein, wenn meine Leser die Paragraphen dieses Kapitels genau prüfen, sie mit dem Vorhergehenden vergleichen und sie alsdann nach eigner Methode aneinanderreihen. Erst künftig, wenn wir diese Lehre auf mehr als eine Weise bearbeitet haben, können wir hoffen, dieselbe rein und natürlich zu entwickeln.

1) Schwarze, weiße und einförmige reine Flächen zeigen durchs Prisma keine Farben. §41.

2) An allen Rändern zeigen sich Farben. §37, 40, 42, 43.

3) Die Ränder zeigen Farben, weil Licht und Schatten an denselben aneinandergrenzen. §44, 54.

4) Wenn farbige Flächen aneinanderstoßen, unterwerfen auch sie sich diesem Gesetze und zeigen Farben, insofern eine heller oder dunkler ist als die andere. §54.

5) Die Farben erscheinen uns strahlend an den Rändern. §37, 45, 46.

6) Sie erscheinen strahlend nach dem Schwarzen wie nach dem Weißen, nach dem Dunkeln wie nach dem Hellen zu.

7) Die Strahlungen geschehen nach dem Perpendikel, der auf die Achse des Prismas fällt. §45, 46, 47, 48.

8) Kein Rand, der mit der Achse des Prismas perpendikular steht, erscheint gefärbt. §49.

9) Alle Ränder, die mit der Achse des Prismas parallel gehen, erscheinen gefärbt.

10) Alle schmalen Körper, die mit der Achse des Prismas eine parallele Richtung haben, erscheinen ganz gefärbt und verbreitert. §37.

11) Ein runder Körper erscheint elliptisch, dergestalt, dass sein größter Diameter auf der Achse des Prismas perpendikular steht. §65, 66, 67.

12) Alle Linien, die mit der Achse des Prismas parallel gehen, erscheinen gebogen. §40

13) Alle Parallellinien, die auf der Achse des Prismas vertikal stehen, scheinen sich gegen den brechenden Winkel zu ein wenig zusammenzuneigen. §40.

14) Je schärfer und stärker Licht und Schatten am Rande miteinander grenzt, desto stärker erscheinen die Farben.

15) Die farbigen Ränder zeigen sich im Gegensatz. Es stehen zwei Pole unveränderlich einander gegenüber. §48, 49, 50, 55.

16) Die beiden entgegengesetzten Pole kommen darin miteinander überein, dass jeder aus zwei leicht zu unterscheidenden Farben besteht, der eine aus Rot und Gelb, der andere aus Blau und Violett. §51, 52

17) Die Strahlungen dieser Farben entfernen sich vom Rande, und zwar strahlen Rot und Violett nach dem Schwarzen, Gelb und Blau nach dem Weißen zu.

18) Man kann diese Pole unendlich voneinander entfernt denken. §51, 52.

19 Man kann sie einander unendlich nahe denken. §45, 46.

20) Erscheinen uns die beiden Pole an einem weißen Körper, der sich gegen einen schwarzen Grund befindet, und hat derselbe eine verhältnismäßige Größe, dass die farbigen Strahlungen der Ränder sich erreichen können, so entsteht in der Mitte ein Papageigrün. §58.

21) Erscheinen sie uns an einem schwarzen Körper, der auf einem weißen Grunde steht, unter gedachter Bedingung, so steht in der Mitte derselben ein Pfirsichblüt. §58.

22) Sowohl schwarze als weiße Körper können unter diesen Umständen ganz farbig erscheinen. §45, 46, 66.

23) Sonne, Mond, Sterne, Öffnung des Fensterladens erscheinen durchs Prisma nur farbig, weil sie als kleine helle Körper auf einem dunkeln Grunde anzusehen sind. §67

24) Sie erscheinen elliptisch, dergestalt, dass die Farbenstrahlungen und folglich auch der große Diameter der Ellipse auf der Achse des Prismas vertikal steht. §66, 67

 

73.

Ich sollte zwar hier vielleicht noch, ehe ich schließe, einige allgemeine Betrachtungen anstellen und in die Ferne hindeuten, wohin ich meine Leser zu führen gedenke. Es kann dieses aber wohl erst an dem Ende des folgenden Stückes geschehen, weil dasjenige, was ich hier allenfalls sagen könnte, doch immer noch als unbelegt und unerwiesen erscheinen müsste. So viel kann ich aber denjenigen Beobachtern, welche gern vorwärts dringen mögen, sagen, dass in den wenigen Erfahrungen, die ich vorgetragen habe, der Grund zu allem Künftigen schon gelegt ist und dass es beinahe nur Entwicklung sein wird, wenn wir in der Folge das durch das Prisma entdeckte Gesetz in allen Linsen, Glaskugeln und anderen mannigfaltig geschliffenen Gläsern, in Wassertropfen und Dünsten, ja endlich mit dem bloßen Auge unter gewissen gegebenen Bedingungen entdecken werden.