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Zehnte Proposition. Fünftes Problem

Aus den entdeckten Eigenschaften des Lichtes die dauernden Farben der natürlichen Körper zu erklären.

 

610.

Diese Farben entstehen daher, dass einige natürliche Körper eine gewisse Art Strahlen häufiger als die übrigen Strahlen zurückwerfen und dass andre natürliche Körper eben dieselbe Eigenschaft gegen andre Strahlen ausüben.

 

611.

Man merke hier gleich: häufiger; also nicht etwa allein oder ausschließlich, wie es doch sein müsste, wenigstens bei einigen ganz reinen Farben. Betrachtet man ein reines Gelb, so könnte man sich die Vorstellung gefallen lassen, dass dieses reine Gelb die gelben Strahlen allein von sich schickt; ebenso mit ganz reinem Blau. Allein der Verfasser hütet sich wohl, dieses zu behaupten, weil er sich abermals eine Hintertüre auflassen muss, um einem dringenden Gegner zu entgehen, wie man bald sehen wird.

 

612.

Mennige wirft die am wenigsten refrangiblen Strahlen am häufigsten zurück und erscheint deswegen rot. Veilchen werfen die refrangibelsten Strahlen am häufigsten zurück und haben ihre Farben daher, und so verhält es sich mit den übrigen Körpern. jeder Körper wirft die Strahlen seiner eigenen Farbe häufiger zurück als die übrigen Strahlen, und von ihrem Übermaße und Vorherrschaft im zurückgeworfenen Licht hat er seine Farbe.

 

613.

Die Newtonische Theorie hat das Eigene, dass sie sehr leicht zu lernen und sehr schwer anzuwenden ist. Man darf nur die erste Proposition, womit die Optik anfängt, gelten lassen oder gläubig in sich aufnehmen, so ist man auf ewig über das Farbenwesen beruhigt. Schreitet man aber zur nähern Untersuchung, will man die Hypothese auf die Phänomene anwenden, dann geht die Not erst an; dann kommen Vor- und Nachklagen; Limitationen, Restriktionen, Reservationen kommen zum Vorschein, bis sich jede Proposition erst im einzelnen und zuletzt die Lehre im ganzen vor dem Blick des scharfen Beobachters völlig neutralisiert. Man gebe acht, wie dieses hier abermals der Fall ist.

 

Siebzehnter Versuch

614.

Denn wenn ihr in die homogenen Lichter, welche ihr durch die Auflösung des Problems, welches in der vierten Proposition des ersten Teiles auf gestellt wurde, erhaltet,

 

615.

Dass wir auch dort durch alle Bemühung keine homogeneren Lichter als durch den gewöhnlichen prismatischen Versuch erhielten, ist seines Ortes dargetan worden.

 

616.

Körper von verschiedenen Farben hineinbringt, so werdet ihr finden, dass jeder Körper, in das Licht seiner eigenen Farbe gebracht, glänzend und leuchtend erscheint.

Es ist im Sinne der Goetheschen Anschauungsweise natürlich, daß Zinnober auf rotem Grunde am glänzendsten erscheint, weil nach dem Gesetz der Mischung und Steigerung sich seine Farbe durch das Rot aufhellen muß. (R. Steiner)

 

617.

Dagegen ist nichts zu sagen; nur wird derselbe Effekt hervorgebracht, wenn man auch das ganz gewöhnliche und ungequälte prismatische Bild bei diesem Versuche anwendet. Und nichts ist natürlicher, als wenn man Gleiches zu Gleichem bringt, dass die Wirkung nicht vermindert werde, sondern vielmehr verstärkt, wenn das eine Homogene dem Grade nach wirksamer ist als das andre. Man gieße konzentrierten Essig zu gemeinem Essig, und diese so verbundene Flüssigkeit wird stärker sein als die gemeine. Ganz anders ist es, wenn man das Heterogene dazu mischt, wenn man Alkali in den gemeinen Essig wirft. Die Wirkung beider geht verloren bis zur Neutralisation. Aber von diesem Gleichnamigen und Ungleichnamigen will und kann Newton nichts wissen. Er quält sich auf seinen Graden und Stufen herum und muss doch zuletzt eine entgegengesetzte Wirkung gestehen.

 

618.

Zinnober glänzt am meisten im homogenen roten Licht, weniger im grünen und noch weniger im blauen.

 

619.

Wie schlecht ist hier das Phänomen ausgedrückt, indem er bloß auf den Zinnober und sein Glänzen Rücksicht nimmt und die Mischung verschweigt, welche die auffallende prismatische Farbe mit der unterliegenden körperlichen hervorbringt.

 

620.

Indigo im veilchenblauen Licht glänzt am meisten.

 

621.

Aber warum? Weil der Indigo, der eigentlich nur eine dunkle satte blaue Farbe ist, durch das violette Licht einen Glanz, einen Schein, Hellung und Leben erhält, und sein Glanz wird stufenweise vermindert, wie man ihn gegen Grün, Gelb und Rot bewegt.

 

622.

Warum spricht denn der Verfasser nur vom Glanz, der sich vermindern soll? Warum spricht er nicht von der neuen gemischten Farbenerscheinung, welche auf diesem Wege entsteht? Freilich ist das Wahre zu natürlich, und man braucht das Falsche, Halbe, um die Unnatur zu beschönigen, in die man die Sache gezogen hat.

 

623.

Ein Lauchblatt

 

624.

Und was soll nun der Knoblauch im Experimente und gleich auf die Pulver? Warum bleibt er nicht bei gleichen Flächen, Papier oder aufgezogenem Seidenzeug? Wahrscheinlich soll der Knoblauch hier nur so viel heißen, dass die Lehre auch von Pflanzen gelte.

 

625.

wirft das grüne Licht und das gelbe und blaue, woraus es zusammengesetzt ist, lebhafter zurück, als es das rote und violette zurückwirft.

 

626.

Damit aber diese Versuche desto lebhafter erscheinen, so muss man solche Körper wählen, welche die vollsten und lebhaftesten Farben haben, und zwei solche Körper müssen miteinander verglichen werden. Z. B. wenn man Zinnober und Ultramarinblau

 

627.

Mit Pulvern sollte man, wie schon oft gesagt, nicht operieren; denn wie kann man hindern, dass ihre ungleichen Teile Schatten werfen?

 

628.

zusammen (nebeneinander) in rotes homogenes Licht hält, so werden sie beide rot erscheinen;

 

629.

Dies sagt er hier auch nur, um es gleich wieder zurückzunehmen.

 

630.

aber der Zinnober wird von einem starken leuchtenden und glänzenden Rot sein und der Ultramarin von einem schwachen dunklen und finstern Rot.

 

631.

Und das von Rechts wegen; denn Gelbrot erhebt das Gelbrote und zerstört das Blaue.

 

632.

Dagegen, wenn man sie zusammen in das blaue Licht hält, so werden sie beide blau erscheinen; nur wird der Ultramarin mächtig leuchtend und glänzend sein, das Blau des Zinnobers aber schwach und finster.

 

633.

Und zwar auch, nach unserer Auslegung, von Rechts wegen.
Sehr ungern wiederholen wir diese Dinge, da sie oben schon so umständlich von uns ausgeführt worden. Doch muss man den Widerspruch wiederholen, da Newton das Falsche immer wiederholt, nur um es tiefer einzuprägen.

 

634.

Welches außer Streit setzt, dass der Zinnober das rote Licht häufiger als das Ultramarin zurückwirft und der Ultramarin das blaue Licht mehr als der Zinnober.

 

635.

Dieses ist die eigene Art, etwas außer Streit zu setzen, nachdem man erst eine Meinung unbedingt ausgesprochen und bei den Beobachtungen nur mit Worten und deren Stellung sich jener Behauptung genähert hat. Denn das ganze Newtonische Farbenwesen ist nur ein Wortkram, mit dem sich deshalb so gut kramen lässt, weil man vor lauter Kram die Natur nicht mehr sieht.

 

636.

Dasselbe Experiment kann man nach und nach mit Mennige, Indigo oder andern zwei Farben machen, um die verschiedene Stärke und Schwäche ihrer Farbe und ihres Lichtes einzusehen.

 

637.

Was dabei einzusehen ist, ist den Einsichtigen schon bekannt.

 

638.

Und da nun die Ursache der Farben an natürlichen Körpern durch diese Experimente klar ist,

 

639.

Es ist nichts klar, als dass er die Erscheinung unvollständig und ungeschickt ausspricht, um sie nach seiner Hypothese zu bequemen.

 

640.

so ist diese Ursache ferner bestätigt und außer allem Streit gesetzt durch die zwei ersten Experimente des ersten Teils, da man an solchen Körpern bewies, dass die reflektierten Lichter, welche an Farbe verschieden sind, auch an Graden der Refrangibilität verschieden sind.

 

641.

Hier schließt sich nun das Ende an den Anfang künstlich an, und da man uns dort die körperlichen Farben schon auf Treu und Glauben für Lichter gab, so sind diese Lichter endlich hier völlig fertige Farben geworden und werden nun abermals zu Hilfe gerufen.
Da wir nun aber dort aufs umständlichste dargetan haben, dass jene Versuche gar nichts beweisen, so werden sie auch hier weiter der Theorie nicht zustatten kommen.

 

642.

Daher ist es also gewiss, dass einige Körper die mehr, andre die weniger refrangiblen Strahlen häufiger zurückwerfen.

 

643.

Und uns ist gewiss, dass es weder mehr noch weniger refrangible Strahlen gibt, sondern dass die Naturerscheinungen auf eine echtere und bequemere Weise ausgesprochen werden können.

 

644.

Und dies ist nicht allein die wahre Ursache dieser Farben, sondern auch die einzige, wenn man bedenkt, dass die Farben des homogenen Lichtes nicht verändert werden können durch die Reflexion von natürlichen Körpern.

 

645.

Wie sicher muss Newton von dem blinden Glauben seiner Leser sein, dass er zu sagen wagt, die Farben des homogenen Lichtes können durch Reflexion von natürlichen Körpern nicht verändert werden, da er doch auf der vorhergehenden Seite zugibt, dass das rote Licht ganz anders vom Zinnober als vom Ultramarin, das blaue Licht ganz anders vom Ultramarin als vom Zinnober zurückgeworfen werde. Nun sieht man aber wohl, warum er dort seine Redensarten so künstlich stellt, warum er nur vom Glanz und Hellen oder vom Matten und Dunklen der Farbe, keineswegs aber von ihrem andern Bedingtwerden durch Mischung reden mag. Es ist unmöglich, ein so deutliches und einfaches Phänomen schief er und unredlicher zu behandeln; aber freilich, wenn er recht haben wollte, so musste er sich, ganz oder halb bewusst, mit Reineke Fuchs zurufen: »Aber ich sehe wohl, Lügen bedarf's, und über die Maßen!«
Denn nachdem er oben die Veränderung der prismatischen Farben auf den verschiedenen Körpern ausdrücklich zugestanden, so fährt er hier fort:

 

646.

Denn wenn Körper durch Reflexion auch nicht im mindesten die Farbe irgendeiner Art von Strahlen verändern können, so können sie nicht auf andre Weise gefärbt erscheinen, als indem sie diejenigen zurückwerfen, welche entweder von ihrer eigenen Farbe sind, oder die durch Mischung sie hervorbringen können.

 

647.

Hier tritt auf einmal die Mischung hervor, und zwar dergestalt, dass man nicht recht weiß, was sie sagen will; aber das Gewissen regt sich bei ihm, es ist nur ein Übergang zum Folgenden, wo er wieder alles zurücknimmt, was er behauptet hat. Merke der Leser auf; er wird den Verfasser bis zum Unglaublichen unverschämt finden.

 

648.

Denn wenn man diese Versuche macht, so muss man sich bemühen, das Licht soviel als möglich homogen zu erhalten.

 

649.

Wie es mit den Bemühungen, die prismatischen farbigen Lichter homogener zu machen, als sie bei dem einfachen Versuch im Spektrum erscheinen, beschaffen sei, haben wir oben umständlich dargetan, und wir wiederholen es nicht. Nur erinnere sich der Leser, dass Newton die schwierigsten, ja gewissermaßen unmögliche Vorrichtungen vorgeschrieben hat, um dieser beliebten Homogenität naherzukommen. Nun bemerke man, dass er uns die einfachen, einem jeden möglichen Versuche verdächtig macht, indem er fortfährt:

 

650.

Denn wenn man Körper mit den gewöhnlichen prismatischen Farben erleuchtet, so werden sie weder in ihrer eigenen Tageslichtsfarbe noch in der Farbe erscheinen, die man auf sie wirft, sondern in einer gewissen Mittelfarbe zwischen beiden, wie ich durch Erfahrung gefunden habe.

 

651.

Es ist recht merkwürdig, wie er endlich einmal eine Erfahrung eingesteht, die einzig mögliche, die einzig notwendige, und sie sogleich wieder verdächtig macht. Denn was von der einfachsten prismatischen Erscheinung, wenn sie auf körperliche Farben fällt, wahr ist, das bleibt wahr, man mag sie durch noch soviel Öffnungen, große und kleine, durch Linsen von nahem oder weitem Brennpunkt quälen und bedingen; nie kann, nie wird etwas anders zum Vorschein kommen.

 

652.

Wie benimmt sich aber unser Autor, um diese Unsicherheit seiner Schüler zu vermehren? Auf die verschmitzteste Weise. Und betrachtet man diese Kniffe mit redlichem Sinn, hat man ein lebendiges Gefühl fürs Wahre, so kann man wohl sagen, der Autor benimmt sich schändlich; denn man höre nur:

 

653.

Denn die Mennige, wenn man sie mit dem gewöhnlichen prismatischen Grün erleuchtet, wird nicht rot oder grün, sondern orange oder gelb erscheinen, je nachdem das grüne Licht, wodurch sie erleuchtet wird, mehr oder weniger zusammengesetzt ist.

 

654.

Warum geht er denn hier nicht grad- oder stufenweise? Er werfe doch das ganz gewöhnliche prismatische Rot auf die Mennige, so wird sie ebenso schön und glänzend rot erscheinen, als wenn er das gequälteste Spektrum dazu anwendete. Er werfe das Grün des gequältesten Spektrums auf die Mennige, und die Erscheinung wird sein, wie er sie beschreibt, oder vielmehr, wie wir sie oben, da von der Sache die Rede war, beschrieben haben. Warum macht er denn erst die möglichen Versuche verdächtig, warum schiebt er alles ins Überfeine, und warum kehrt er dann zuletzt immer wieder zu den ersten Versuchen zurück? Nur um die Menschen zu verwirren und sich und seiner Herde eine Hintertür offenzulassen.
Mit Widerwillen übersetzen wir die fratzenhafte Erklärungsart, wodurch er nach seiner Weise die Zerstörung der grünen prismatischen auf die Mennige geworfenen Farbe auslegen will.

 

655.

Denn wie Mennige rot erscheint, wenn sie vom weißen Licht erleuchtet wird, in welchem alle Arten Strahlen gleich gemischt sind, so muss bei Erleuchtung derselben mit dem grünen Licht, in welchem alle Arten von Strahlen ungleich gemischt sind, etwas anders vorgehen.

 

656.

Man bemerke, dass hier im Grünen alle Arten von Strahlen enthalten sein sollen, welches jedoch nicht zu seiner früheren Darstellung der Heterogenität der homogenen Strahlen passt; denn indem er dort die supponierten Zirkel auseinanderzieht, so greifen doch nur die nächsten Farben ineinander; hier aber geht jede Farbe durchs ganze Bild, und man sieht also gar die Möglichkeit nicht ein, sie auf irgendeine Weise zu separieren. Es wird künftig zur Sprache kommen, was noch alles für Unsinn aus dieser Vorstellungsart, in einem System fünf bis sieben Systeme en echelon aufmarschieren zu lassen, hervorspringt.

 

657.

Denn einmal wird das übermaß der gelbmachenden, grünmachenden und blaumachenden Strahlen, das sich in dem auffallenden grünen Lichte befindet, Ursache sein, dass diese Strahlen auch in dem zurückgeworfenen Lichte sich so häufig befinden, dass sie die Farbe vom Roten gegen ihre Farbe ziehen. Weil aber die Mennige dagegen die rotmachenden Strahlen häufiger in Rücksicht ihrer Anzahl zurückwirft und zunächst die orangemachenden und gelbmachenden Strahlen, so werden diese in dem zurückgeworfenen Licht häufiger sein, als sie es in dem einfallenden grünen Licht waren, und werden deswegen das zurückgeworfene Licht vom Grünen gegen ihre Farbe ziehen, und deswegen wird Mennige weder rot noch grün, sondern von einer Farbe erscheinen, die zwischen beiden ist.

 

658.

Da das ganze Verhältnis der Sache oben umständlich dargetan worden, so bleibt uns weiter nichts übrig, als diesen baren Unsinn der Nachwelt zum Musterbilde einer solchen Behandlungsart zu empfehlen.
Er fügt nun noch vier Erfahrungen hinzu, die er auf seine Weise erklärt, und die wir nebst unsern Bemerkungen mitteilen wollen.

 

659.

In gefärbten durchsichtigen Liquoren lässt sich bemerken, dass die Farbe nach ihrer Masse sich verändert. Wenn man z. B. eine rote Flüssigkeit in einem konischen Glase zwischen das Licht und das Auge hält, so scheint sie unten, wo sie weniger Masse hat, als ein blasses und verdünntes Gelb; etwas höher, wo das Glas weiter wird, erscheint sie orange, noch weiter hinauf rot und ganz oben von dem tiefsten und dunkelsten Rot.

 

660.

Wir haben diese Erfahrung in Stufengefäßen dargestellt (E 5 17. 18) und an ihnen die wichtige Lehre der Steigerung entwickelt, wie nämlich das Gelbe durch Verdichtung und Beschattung ebenso wie das Blaue zum Roten sich hinneigt und dadurch die Eigenschaft bewährt, welche wir bei ihrem ersten Ursprung in trüben Mitteln gewahr wurden. Wir erkannten die Einfachheit, die Tiefe dieser Ur- und Grunderscheinungen; desto sonderbarer wird uns die Qual vorkommen, welche sich Newton macht, sie nach seiner Weise auszulegen.

 

661.

Hier muss man sich vorstellen, dass eine solche Feuchtigkeit die indigomachenden und violettmachenden Strahlen sehr leicht abhält, die blaumachenden schwerer, die grünmachenden noch schwerer und die rotmachenden am allerschwersten. Wenn nun die Masse der Feuchtigkeit nicht stärker ist, als dass sie nur eine hinlängliche Anzahl von violettmachenden und blaumachenden Strahlen abhält, ohne die Zahl der übrigen zu vermindern, so muss der Überrest (nach der sechsten Proposition des zweiten Teils) ein blasses Gelb machen; gewinnt aber die Feuchtigkeit so viel an Masse, dass sie eine große Anzahl von blaumachenden Strahlen und einige grünmachende abhalten kann, so muss aus der Zusammensetzung der übrigen ein Orange entstehen, und wenn die Feuchtigkeit noch breiter wird um eine große Anzahl von den grünmachenden und eine bedeutende Anzahl von den gelbmachenden abzuhalten, so muss der Überrest anfangen, ein Rot zusammenzusetzen, und dieses Rot muss tiefer und dunkler werden, wenn die gelbmachenden und orangemachenden Strahlen mehr und mehr durch die wachsende Masse der Feuchtigkeit abgehalten werden, so dass wenig Strahlen außer den rotmachenden durchgelangen können.

 

662.

Ob wohl in der Geschichte der Wissenschaften etwas ähnlich närrisches und lächerliches von Erklärungsart zu finden sein möchte?

 

663.

Von derselben Art ist eine Erfahrung, die mir neulich Herr Halley erzählt hat, der, als er tief in die See in einer Taucherglocke hinabstieg, an einem klaren Sonnenscheintag, bemerkte, dass wenn er mehrere Faden tief ins Wasser hinabkam, der obere Teil seiner Hand, worauf die Sonne gerade durchs Wasser und durch ein kleines Glasfenster in der Glocke schien, eine rote Farbe hatte, wie eine Damascener Rose, so wie das Wasser unten und die untere Seite seiner Hand, die durch das von dem Wasser reflektierte Licht erleuchtet war, grün aussah.

 

664.

Wir haben dieses Versuchs unter den physiologischen Farben da, wo er hingehört, schon erwähnt. Das Wasser wirkt hier als ein trübes Mittel, welches die Sonnenstrahlen nach und nach mäßigt, bis sie aus dem Gelben ins Rote übergehen und endlich purpurfarben erscheinen; dagegen denn die Schatten in der geforderten grünen Farbe gesehen werden. Man höre nun, wie seltsam sich Newton benimmt, um dem Phänomen seine Terminologie anzupassen.

 

665.

Daraus lässt sich schließen, dass das Seewasser die violett- und blaumachenden Strahlen sehr leicht zurückwirft und die rotmachenden Strahlen frei und häufig in große Tiefen hinunterlässt; deshalb das direkte Sonnenlicht in allen großen Tiefen, wegen der vorwaltenden rotmachenden Strahlen, rot erscheinen muss, und je größer die Tiefe ist, desto stärker und mächtiger muss das Rot werden. Und in solchen Tiefen, wo die violettmachenden Strahlen kaum hinkommen, müssen die blaumachenden, grünmachenden, gelbmachenden Strahlen von unten häufiger zurückgeworfen werden als die rotmachenden und ein Grün zusammensetzen.

 

666.

Da uns nunmehr die wahre Ableitung dieses Phänomens genugsam bekannt ist, so kann uns die Newtonische Lehre nur zur Belustigung dienen, wobei denn zugleich, indem wir die falsche Erklärungsart einsehen, das ganze System unhaltbarer erscheint.

 

667.

Nimmt man zwei Flüssigkeiten von starker Farbe, z. B. Rot und Blau, und beide hinlänglich gesättigt, so wird man, wenn jede Flüssigkeit für sich noch durchsichtig ist, nicht durch beide hindurchsehen können, sobald sie zusammengestellt werden. Denn wenn durch die eine Flüssigkeit nur die rotmachenden Strahlen hindurch können und nur die blaumachenden durch die andre, so kann kein Strahl durch beide hindurch. Dieses hat Herr Hooke zufällig mit keilförmigen Glasgefäßen, die mit roten und blauen Liquoren gefüllt waren, versucht und wunderte sich über die unerwartete Wirkung, da die Ursache damals noch unbekannt war. Ich aber habe alle Ursache, an die Wahrheit dieses Experiments zu glauben, ob ich es gleich selbst nicht versucht habe. Wer es jedoch wiederholen will, muss sorgen, dass die Flüssigkeiten von sehr guter und starker Farbe seien.

 

668.

Worauf beruht nun dieser ganze Versuch? Er sagt weiter nichts aus, als dass ein noch allenfalls durchscheinendes Mittel, wenn es doppelt genommen wird, undurchsichtig werde, und dieses geschieht, man mag einerlei Farbe oder zwei verschiedene Farben, erst einzeln und dann aneinandergerückt, betrachten.

 

669.

Um dieses Experiment, welches nun auch schon über hundert Jahre in der Geschichte der Farbenlehre spukt, loszuwerden, verschaff e man sich mehrere, aus Glastafeln zusammengesetzte keilförmige aufrechtstehende Gefäße, die, aneinandergeschoben, Parallelepipeden bilden, wie sie sollen ausführlicher beschrieben werden, wenn von unserm Apparat die Rede sein wird. Man fülle sie erst mit reinem Wasser und gewöhne sich, die Verrückung entgegengestellter Bilder und die bekannten prismatischen Erscheinungen dadurch zu beobachten; dann schiebe man zwei übereinander und tröpfle in jedes Tinte, nach und nach, so lange, bis endlich der Liquor undurchsichtig wird; nun schiebe man die beiden Keile auseinander, und jeder für sich wird noch genugsam durchscheinend sein.

 

670.

Dieselbe Operation mache man nunmehr mit farbigen Liquoren, und das Resultat wird immer dasselbe bleiben, man mag sich nur einer Farbe in den beiden Gefäßen oder zweier bedienen. Solange die Flüssigkeiten nicht übersättigt sind, wird man durch das Parallelepipedon recht gut hindurchsehen können.

 

671.

Nun begreift man also wohl, warum Newton wiederholt zu Anfang und zu Ende seiner Perioden auf gesättigte und reiche Farben dringt. Damit man aber sehe, dass die Farbe gar nichts zur Sache tut, so bereite man mit Lackmus in zwei solchen Keilgläsern einen blauen Liquor dergestalt, dass man durch das Parallelepipedon noch durchsehen kann. Man lasse alsdann in das eine Gefäß durch einen Gehilfen Essig tröpfeln, so wird sich die blaue Farbe in eine rote verwandeln, die Durchsichtigkeit aber bleiben wie vorher, ja wohl eher zunehmen, indem durch die Säure dem Blauen von seinem etwas entzogen wird. Bei Vermannigfaltigung des Versuchs kann man auch alle die Versuche wiederholen, die sich auf scheinbare Farbenmischung beziehen.

 

672.

Will man diese Versuche sich und andern recht anschaulich machen, so habe man vier bis sechs solcher Gefäße zugleich bei der Hand, damit man nicht durch Ausgießen und Umfüllen die Zeit verliere und keine Unbequemlichkeit und Unreinlichkeit entstehe. Auch lasse man sich diesen Apparat nicht reuen, weil man mit demselben die objektiven und subjektiven prismatischen Versuche, wie sie sich durch farbige Mittel modifizieren, mit einiger Übung vorteilhaft t darstellen kann. Wir sprechen also, was wir oben gesagt, nochmals aus: ein Durchscheinendes doppelt oder mehrfach genommen, wird undurchsichtig, wie man sich durch farbige Fensterscheiben, Opalgläser, ja sogar durch farblose Fensterscheiben überzeugen kann.

 

673.

Nun kommt Newton noch auf den Versuch mit trüben Mitteln. Uns sind diese Urphänomene aus dem Entwurf umständlich bekannt, und wir werden deshalb um desto leichter das Unzulängliche seiner Erklärungsart einsehen können.

 

674.

Es gibt einige Feuchtigkeiten, wie die Tinktur des Lignum nephriticum, und einige Arten Glas, welche eine Art Licht häufig durchlassen und eine andre zurückwerfen und deswegen von verschiedener Farbe erscheinen, je nachdem die Lage des Auges gegen das Licht ist. Aber wenn diese Feuchtigkeiten oder Gläser so dick wären, so viel Masse hätten, dass gar kein Licht hindurch könnte, so zweifle ich nicht, sie würden andern dunklen Körpern gleich sein und in allen Lagen des Auges dieselbe Farbe haben, ob ich es gleich nicht durch Experimente beweisen kann.

 

675.

Und doch ist gerade in dem angeführten Falle das Experiment sehr leicht. Wenn nämlich ein trübes Mittel noch halbdurchsichtig ist, und man hält es vor einen dunklen Grund, so erscheint es blau. Dieses Blau wird aber keineswegs von der Oberfläche zurückgeworfen, sondern es kommt aus der Tiefe. Reflektierten solche Körper die blaue Farbe leichter als eine andre von ihrer Oberfläche, so müsste man dieselbe noch immer blau sehen, auch dann, wenn man die Trübe auf den höchsten Grad, bis zur Undurchsichtigkeit gebracht hat. Aber man sieht Weiß aus den von uns im Entwurf genugsam ausgeführten Ursachen. Newton macht sich aber hier ohne Not Schwierigkeiten, weil er wohl fühlt, dass der Boden, worauf er steht, nicht sicher ist.

 

676.

Denn durch alle farbigen Körper, soweit meine Bemerkung reicht, kann man hindurchsehen, wenn man sie dünn genug macht; sie sind deswegen gewissermaßen durchsichtig und also nur in Graden der Durchsichtigkeit von gefärbten durchsichtigen Liquoren verschieden. Diese Feuchtigkeiten so gut wie solche Körper werden bei hinreichender Masse undurchsichtig. Ein durchsichtiger Körper, der in einer gewissen Farbe erscheint, wenn das Licht hindurchfällt, kann bei zurückgeworfenem Licht dieselbe Farbe haben, wenn das Licht dieser Farbe von der hinteren Fläche des Körpers zurückgeworfen wird oder von der Luft, die daran stößt. Dann kann aber die zurückgeworfene Farbe vermindert werden, ja aufhören, wenn man den Körper sehr dick macht oder ihn auf der Rückseite mit Pech überzieht, um die Reflexion der hinteren Fläche zu vermindern, so dass das von den färbenden Teilen zurückgeworfene Licht vorherrschen mag. In solchen Fällen wird die Farbe des zurückgeworfenen Lichtes von der des durchfallenden Lichtes wohl abweichen können.

 

677.

Alles dieses Hin- und Widerreden findet man unnütz, wenn man die Ableitung der körperlichen Farben kennt, wie wir solche im Entwurf versucht haben, besonders wenn man mit uns überzeugt ist, dass jede Farbe, um gesehen zu werden, ein Licht im Hintergrunde haben müsse, und dass wir eigentlich alle körperliche Farbe mittelst eines durchfallenden Lichts gewahr werden, es sei nun, dass das einfallende Licht durch einen durchsichtigen Körper durchgehe, oder dass es bei dem undurchsichtigen Körper auf seine helle Grundlage dringe und von da wieder zurückkehre.
Das ergo bibamus des Autors übergehen wir und eilen mit ihm zum Schlusse.