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Übersicht des Nächstfolgenden

231.

Wenn wir uns hätten durch die Newtonische Rekapitulation überzeugen lassen, wenn wir geneigt wären, seinen Worten Beifall zu geben, seiner Theorie beizutreten, so würden wir uns verwundern, warum er denn die Sache nicht für abgetan halte, warum er fortfahre, zu beweisen, ja, warum er wieder von vorn anfange. Es ist daher eine Übersicht desto nötiger, was und wie er es denn eigentlich beginnen will, damit uns deutlich werde, zu welchem Ziele er nun eigentlich hinschreitet.

 

232.

Im allgemeinen sagen wir erst hierüber so viel. Newtons Lehre war der naturforschenden Welt lange Zeit nur aus dem Briefe an die Londoner Sozietät bekannt; man untersuchte, man beurteilte sie hiernach mit mehr oder weniger Fähigkeit und Glück. Der Hauptsatz, dass die aus dem weißen heterogenen Licht geschiedenen homogenen Lichter unveränderlich seien und bei wiederholter Refraktion keine andere Farbe als ihre eigene zeigten, ward von Mariotte bestritten, der wahrscheinlich, indem er das experimentum crucis untersuchte, bei der zweiten Refraktion die fremden Farbenränder der kleinen farbigen Bildchen bemerkt hatte. Newton griff also nach der Ausflucht: jene durch den einfachen prismatischen Versuch gesonderten Lichter seien nicht genugsam gesondert, hierzu gehöre abermals eine neue Operation, und so sind die vier nächsten Versuche zu diesem Zweck ersonnen und gegen diesen Widersacher gerichtet, gegen welchen sie in der Folge auch durch Desaguliers gebraucht werden.

 

233.

Zuerst also macht er aufs neue wunderbare Anstalten, um die verschiedenen in dem heterogenen Licht steckenden homogenen Lichter, welche bisher nur gewissermaßen getrennt worden, endlich und schließlich völlig zu scheiden, und widmet diesem Zweck den elften Versuch. Dann ist er bemüht, abermals vor Augen zu bringen und einzuschärfen, dass diese nunmehr wirklich geschiedenen Lichter bei einer neuen Refraktion keine weitere Veränderung erleiden. Hierzu soll der zwölfte, dreizehnte und vierzehnte Versuch dienstlich und hilfreich sein.

 

234.

Wie oft sind uns nicht schon jene beiden Propositionen wiederholt worden; wie entschieden hat der Verfasser nicht schon behauptet, diese Aufgaben seien gelöst: und hier wird alles wieder von vorn vorgenommen, als wäre nichts geschehen! Die Schule hält sich deshalb um so sichrer, weil es dem Meister gelungen, auf so vielerlei Weise dieselbe Sache darzustellen und zu befestigen. Allein genauer betrachtet, ist seine Methode die Methode der Regentraufe, die durch wiederholtes Tropfen auf dieselbige Stelle den Stein endlich aushöhlt; welches denn doch zuletzt ebensoviel ist, als wenn es gleich mit tüchtiger, wahrer Gewalt eingeprägt wäre.

 

235.

Um sodann zu dem Praktischen zu gelangen, schärft er die aus seinem Wahn natürlich herzuleitende Folgerung nochmals ein, dass bei gleicher Inzidenz des zusammengesetzten, heterogenen Lichts nach der Brechung jeder gesonderte homogene Strahl sein besonderes Richtungsverhältnis habe, so dass also dasjenige, was vorher beisammen gewesen, nunmehr unwiederbringlich voneinander abgesondert sei.

 

236.

Hieraus leitet er nun zum Behuf der Praxis, wie er glaubt, unwiderleglich ab, dass die dioptrischen Fernröhre nicht zu verbessern seien. Die dioptrischen Fernröhre sind aber verbessert worden, und nur wenige Menschen haben sogleich rückwärts geschlossen, dass eben deshalb die Theorie falsch sein müsse; vielmehr hat die Schule, wie es uns in der Geschichte besonders interessieren wird, bei ihrer völligen theoretischen Überzeugung noch immer versichert, die dioptrischen Fernröhre seien nicht zu verbessern, nachdem sie schon lange verbessert waren.

 

237.

Soviel von dem Inhalt des ersten Teils von hier bis ans Ende. Der Verfasser tut weiter nichts, als dass er das Gesagte mit wenig veränderten Worten, das Versuchte mit wenig veränderten Umständen wiederholt; weswegen wir uns denn abermals mit Aufmerksamkeit und Geduld zu waffnen haben.

 

238.

Schließlich führt Newton sodann das von ihm eingerichtete Spiegelteleskop vor, und wir haben ihm und uns Glück zu wünschen, dass er, durch eine falsche Meinung beschränkt, einen so wahrhaft nützlichen Ausweg gefunden. Gestehen wir es nur: der Irrtum, insofern er eine Nötigung enthält, kann uns auch auf das Wahre hindrängen, so wie man sich vor dem Wahren, wenn es uns mit allzu großer Gewalt ergreift, gar zu gern in den Irrtum flüchten mag