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Statt eines Nachworts

Newtonische Lehre:

1. Das Licht ist zusammengesetzt: heterogen.

2. Das Licht ist aus farbigen Lichtern zusammengesetzt.

3. Das Licht wird durch Refraktion, Reflexion und Inflexion dekomponiert.

4. Es wird in sieben, vielmehr in unzählige dekomponiert.

5. Wie es dekomponiert worden, kann es wieder zusammengesetzt werden.

6. Die apparenten Farben entstehen nicht durch eine Determination des Lichtes von außen, nicht durch eine Modifikation durch Umstände.

 

Resultate meiner Erfahrung:

1. Das Licht ist das einfachste, unzerlegteste, homogenste Wesen, das wir kennen. Es ist nicht zusammengesetzt.

2. Am allerwenigsten aus farbigen Lichtern. jedes Licht, das eine Farbe angenommen hat, ist dunkler als das farblose Licht. Das Helle kann nicht aus Dunkelheit zusammengesetzt sein.

3. Reflexion, Refraktion, Inflexion sind drei Bedingungen, unter denen wir oft apparente Farben erblicken; aber alle drei sind mehr Gelegenheit zur Erscheinung als Ursache derselben. Denn alle drei Bedingungen können ohne Farbenerscheinung existieren. Es gibt auch noch andere Bedingungen, die sogar bedeutender sind als z. B. die Mäßigung des Lichtes, die Wechselwirkung des Lichtes auf die Schatten.

4. Es gibt nur zwei reine Farben, Blau und Gelb. Eine Farbeigenschaft, die beiden zukommt, Rot, und zwei Mischungen, Grün und Purpur; das übrige sind Stufen dieser Farben oder unrein.

5. Weder aus apparenten Farben kann farbloses Licht, noch aus farbigen Pigmenten ein weißes zusammengesetzt werden. Alle aufgestellten Experimente sind falsch oder falsch angewendet.

6. Die apparenten Farben entstehen durch Modifikation des Lichtes durch äußere Umstände. Die Farben werden an dem Licht erregt, nicht aus dem Licht entwickelt. Hören die Bedingungen auf, so ist das Licht farblos wie vorher, nicht weil die Farben wieder in dasselbe zurückkehren, sondern weil sie zessieren. Wie der Schatten farblos wird, wenn man die Wirkung des zweiten Lichtes hinwegnimmt.

 

 

Gesetz der Trübe 

Freunde, flieht die dunkle Kammer,
Wo man euch das Licht verzwickt
und mit kümmerlichstem Jammer
Sich verschrobnen Bildern bückt.
Abergläubische Verehrer
Gab's die Jahre her genug,
in den Köpfen eurer Lehrer
Lasst Gespenst und Wahn und Trug.

Wenn der Blick an heitern Tagen
Sich zur Himmelsbläue lenkt,
Beim Sirok der Sonnenwagen
Purpurrot sich niedersenkt:
Da gebt der Natur die Ehre,
Froh, an Aug' und Herz gesund,
Und erkennt der Farbenlehre
Allgemeinen ewigen Grund!