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Fünfte Proposition. Viertes Theorem-

Das Weiße und alle grauen Farben zwischen Weiß und Schwarz können aus Farben zusammengesetzt werden, und die Weiße des Sonnenlichts ist zusammengesetzt aus allen Urfarben (primary), in gehörigem Verhältnis vereinigt.

 

509.

Wie es sich mit dem ersten verhalte, haben wir in den Kapiteln der realen und scheinbaren Mischung genugsam dargelegt, und die zweite Hälfte der Proposition wissen unsre Leser auch zu schätzen. Wir wollen jedoch sehen, wie er das Vorgebrachte zu beweisen gedenkt.

Das Weiß darf nicht mit dem Licht als solchem identifiziert werden. Denn Weiß entsteht dort, wo die Materie sich dem Lichte widersetzt. Weiß ist demnach eine Eigenschaft des Lichtes, insofern es an einer undurchsichtigen Materie erscheint, von der es in keiner Weise sonst verändert wird, also wo namentlich keine Farbenerscheinung auftritt. Man sollte also nicht von weißem Licht sprechen, denn das Licht ist als solches völlig unsichtbar und enthält nur die Möglichkeit der Sichtbarkeit der Körper. Und Weiß ist eine Art, wie die Körper uns sichtbar werden. (R. Steiner)

 

Neunter Versuch

510.

Die Sonne schien in eine dunkle Kammer durch eine kleine runde Öffnung in dem Fensterladen und warf das gefärbte Bild auf die entgegengesetzte Wand. Ich hielt ein weißes Papier an die Seite, auf die Art, dass es durch das vom Bild zurückgeworfene Licht erleuchtet wurde, ohne einen Teil des Lichtes auf seinem Wege vom Prisma zum Spektrum aufzufangen, und ich fand, wenn man das Papier näher zu einer Farbe als zu den übrigen hielt, so erschien es von dieser Farbe; wenn es aber gleich oder fast gleich von allen Farben entfernt war, so dass alle es erleuchteten, erschien es weiß.

 

511.

Man bedenke, was bei dieser Operation vorgeht. Es ist nämlich eine unvollkommene Reflexion eines farbigen halbhellen Bildes, welche jedoch nach den Gesetzen der scheinbaren Mitteilung geschieht(E. 588-592).Wir wollen aber den Verfasser ausreden lassen, um alsdann das wahre Verhältnis im Zusammenhang vorzubringen.

 

512.

Wenn nun bei dieser letzten Lage des Papiers einige Farben aufgefangen wurden, verlor dasselbe seine weiße Farbe und erschien in der Farbe des übrigen Lichtes, das nicht aufgefangen war. Auf diese Weise konnte man das Papier mit Lichtern von verschiedenen Farben erleuchten, namentlich mit Rot, Gelb, Grün, Blau und Violett, und jeder Teil des Lichts behielt seine eigene Farbe, bis er aufs Papier fiel und von da zum Auge zurückgeworfen wurde, so dass er, wenn entweder die Farbe allein war und das übrige Licht aufgefangen, oder wenn sie prädominierte, dem Papier seine eigene Farbe gab; war sie aber vermischt mit den übrigen Farben in gehörigem Verhältnis, so erschien das Papier weiß und brachte also diese Farbe in Zusammensetzung mit den übrigen hervor. Die verschiedenen Teile des farbigen Lichtes, welche das Spektrum reflektiert, indem sie von daher durch die Luft fortgepflanzt werden, behalten beständig ihre eigenen Farben; denn wie sie auch auf die Augen des Zuschauers fallen, so erscheinen die verschiedenen Teile des Spektrums unter ihren eigenen Farben. Auf gleiche Weise behalten sie auch ihre eigenen Farben, wenn sie auf das Papier fallen; aber dort machen sie durch Verwirrung und vollkommene Mischung aller Farben die Weiße des Lichts, welche von dorther zurückgeworfen wird.

 

513.

Die ganze Erscheinung ist, wie gesagt, nichts als eine unvollkommene Reflexion. Denn erstlich bedenke man, dass das Spektrum selbst ein dunkles, aus lauter Schattenlichtern zusammengesetztes Bild sei. Man bringe ihm nah an die Seite eine zwar weiße, aber doch rauhe Oberfläche, wie das Papier ist, so wird jede Farbe des Spektrums von derselben, obgleich nur schwach, reflektieren, und der aufmerksame Beobachter wird die Farben noch recht gut unterscheiden können. Weil aber das Papier auf jedem seiner Punkte von allen Farben zugleich erleuchtet ist, so neutralisieren sie sich gewissermaßen einander, und es entsteht ein Dämmerschein, dem man keine eigentliche Farbe zuschreiben kann. Die Hellung dieses Dämmerscheins verhält sich wie die Dämmerung des Spektrums selbst, keineswegs aber wie die Hellung des weißen Lichtes, ehe es Farben annahm und sich damit überzog. Und dieses ist immer die Hauptsache, welcher Newton ausweicht. Denn man kann freilich aus sehr hellen Farben, auch wenn sie körperlich sind, ein Grau zusammensetzen, das sich aber von weißer Kreide z. B. schon genugsam unterscheidet. Alles dies ist in der Natur so einfach und so kurz, und nur durch diese falschen Theorien und Sophistereien hat man die Sache ins Weite, ja ins Unendliche gespielt.

 

514.

Will man diesen Versuch mit farbigen Papieren, auf die man das Sonnenlicht gewaltig fallen und von da auf eine im Dunklen stehende Fläche reflektieren lässt, anstellen, in dem Sinne, wie unsere Kapitel von scheinbarer Mischung und Mitteilung der Sache erwähnen, so wird man sich noch mehr von dem wahren Verhältnis der Sache überzeugen, dass nämlich durch Verbindung aller Farben ihre Spezifikation zwar aufgehoben, aber das, was sie alle gemein haben, das (....) nicht beseitigt werden kann.

 

515.

In den drei folgenden Experimenten bringt Newton wieder neue Kunststückchen und Bosseleien hervor, ohne das wahre Verhältnis seines Apparats und der dadurch erzwungenen Erscheinung anzugeben. Nach gewohnter Weise ordnet er die drei Experimente falsch, indem er das komplizierteste voransetzt, ein anderes, das dieser Stelle gewissermaßen fremd ist, folgen lässt und das einfachste zuletzt bringt. Wir werden daher, um uns und unsern Lesern die Sache zu erleichtern, die Ordnung umkehren und wenden uns deshalb sogleich zum

 

Zwölften Versuch

516.

Das Licht der Sonne gehe durch ein großes Prisma durch, falle sodann auf eine weiße Tafel und bilde dort einen weißen Raum.

 

517.

Newton operiert also hier wieder in dem zwar refrangierten, aber doch noch ungefärbten Lichte.

 

518.

Gleich hinter das Prisma setze man einen Kamm.

 

519.

Man gebe doch acht, auf welche rohe Weise Newton sein weißes Licht zusammenkrempeln und -filzen will.

 

520.

Die Breite der Zähne sei gleich ihren Zwischenräumen, und die sieben Zähne

 

521.

Doch als wenn für jeden Hauptlichtstrahl einer präpariert wäre.

 

522.

nehmen mit ihren Intervallen die Breite eines Zolles ein. Wenn nun das Papier zwei oder drei Zoll von dem Kamm entfernt stand, so zeichnete das Licht, das durch die verschiedenen Zwischenräume hindurchging, verschiedene Reihen Farben,

 

523.

Warum sagt er nicht: die prismatischen Farbenreihen?

 

524.

die parallel unter sich waren und ohne eine Spur von Weiß.

 

525.

Und diese Erscheinung kam doch wohl bloß daher, weil jeder Zahn zwei Ränder machte und das gebrochene ungefärbte Licht sogleich an diesen Grenzen, durch diese Grenzen zur Farbe bestimmt wurde, welches Newton in der ersten Proposition dieses Buchs so entschieden leugnete. Das ist eben das Unerhörte bei diesem Vortrag, dass erst die wahren Verhältnisse und Erscheinungen abgeleugnet werden, und dass, wenn sie zu irgendeinem Zwecke brauchbar sind, man sie ohne weiteres hereinführt, als wäre gar nichts geschehen noch gesagt worden.

 

526.

Diese Farbenstreifen, wenn der Kamm auf- und abwärts bewegt ward, stiegen auf- und abwärts.

 

527.

Keineswegs dieselben Farbenstreifen; sondern wie der Kamm sich bewegte, entstanden an seinen Grenzen immer neue Farbenerscheinungen, und es waren ewig werdende Bilder.

 

528.

Wenn aber die Bewegung des Kamms so schnell war, dass man die Farben nicht voneinander unterscheiden konnte, so erschien das ganze Papier durch ihre Verwirrung und Mischung dem Sinne weiß.

 

529.

So kardätscht unser gewandter Naturforscher seine homogenen Lichter dergestalt durcheinander, dass sie ihm abermals ein Weiß hervorbringen, welches wir aber auch notwendig verkümmern müssen. Wir haben zu diesem Versuche einen Apparat ersonnen, der seine Verhältnisse sehr gut an den Tag legt. Die Vorrichtung, einen Kamm auf- und abwärts sehr schnell zu bewegen, ist unbequem und umständlich. Wir bedienen uns daher eines Rades mit zarten Speichen, das an die Walze unseres Schwungrades befestigt werden kann. Dieses Rad stellen wir zwischen das erleuchtete große Prisma und die weiße Tafel. Wir setzen es langsam in Bewegung, und wie eine Speiche vor dem weißen Raum des refrangierten Bildes vorbeigeht, so bildet sie dort einen farbigen Stab in der bekannten Folge: Blau, Purpur und Gelb. Wie eine andre Speiche eintritt, so entstehen abermals diese farbigen Erscheinungen, die sich geschwinder folgen, wenn man das Rad schneller herumdreht. Gibt man nun dem Rade den völligen Umschwung, so dass der Beobachtende wegen der Schnelligkeit die Speichen nicht mehr unterscheiden kann, sondern dass eine runde Scheibe dem Auge erscheint, so tritt der schöne Fall ein, dass einmal das aus dem Prisma hervorkommende weiße, an seinen Grenzen gefärbte Bild auf jener Scheibe völlig deutlich erscheint und zugleich, weil diese scheinbare Scheibe doch noch immer als halbdurchsichtig angesehen werden kann, auf der hinteren weißen Pappe sich abbildet. Es ist dieses ein Versuch, der sogleich das wahre Verhältnis vor Augen bringt, und welchen jedermann mit Vergnügen ansehen wird. Denn hier ist nicht von Krempeln, Filzen und Kardätschen fertiger Farbenlichter die Rede, sondern eben die Schnelligkeit, welche auf der scheinbaren Scheibe das ganze Bild auffängt, lässt es auch hindurch auf die weiße Tafel fallen, wo eben wegen der Schnelligkeit der vorbeigehenden Speichen keine Farben für uns entstehen können, und das hintere Bild auf der weißen Tafel ist zwar in der Mitte weiß, doch etwas trüber und dämmernder, weil es ja vermittelst der für halbdurchsichtig anzunehmenden Scheibe gedämpft und gemäßigt wird.

 

530.

Noch angenehmer zeigt sich der Versuch, wenn man durch ein kleineres Prisma die Farbenerscheinung dergestalt hervorbringt, dass ein schon ganz fertiges Spektrum auf die Speichen des umzudrehenden Rades fällt. Es steht in seiner völligen Kraft alsdann auf der schnell umgetriebenen scheinbaren Scheibe und ebenso unverwandt und unverändert auf der hintern weißen Tafel. Warum geht denn hier keine Mischung, keine Konfusion vor? Warum quirlt denn das auf das schnellste herumgedrehte Speichenrad die fertigen Farben nicht zusammen? Warum operiert denn diesmal Newton nicht mit seinen fertigen Farben? Warum mit entstehenden? Doch bloß darum, dass er sagen könne, sie seien fertig geworden und durch Mischung ins Weiße verwandelt; da der Raum doch bloß darum vor unsern Augen weiß bleibt, weil die vorübereilenden Speichen ihre Grenze nicht bezeichnen und deshalb keine Farbe entstehen kann.

 

531.

Da nun der Verfasser einmal mit seinem Kamme operiert, so häuft er noch einige Experimente, die er aber nicht numeriert, deren Gehalt wir nun auch kürzlich würdigen wollen.

 

532.

Lasst nun den Kamm still stehen und das Papier sich weiter vom Prisma nach und nach entfernen, so werden die verschiedenen Farbenreihen sich verbreitern und eine über die andre mehr hinausrücken, indem sie ihre Farben miteinander vermischen, einander verdünnen, und dieses wird zuletzt so sehr geschehen, dass sie weiß werden.

 

533.

Was vorgeht, wenn schmale schwarze und weiße Streifen auf einer Tafel wechseln, kann man sich am besten durch einen subjektiven Versuch bekannt machen. Die Ränder entstehen nämlich gesetzmäßig an den Grenzen sowohl des Schwarzen als des Weißen, die Säume verbreiten sich sowohl über das Weiße als das Schwarze, und so erreicht der gelbe Saum geschwind den blauen Rand und macht Grün, der violette Rand den gelbroten und macht Purpur, so dass wir sowohl das System des verrückten weißen als des verrückten schwarzen Bildes zugleich gewahr werden. Entfernt man sich weiter von der Pappe, so greifen Ränder und Säume dergestalt ineinander, vereinigen sich innigst, so dass man nur noch grüne und purpurne Streifen übereinander sieht.

 

534.

Dieselbe Erscheinung kann man durch einen Kamm, mit dem man vor einem großen Prisma operiert, objektiv hervorbringen und die abwechselnden purpurnen und grünen Streifen auf der weißen Tafel recht gut gewahr werden.

 

535.

Es ist daher ganz falsch, was Newton andeutet, als wenn die sämtlichen Farben ineinandergriffen, da sich doch nur Farben der entgegengesetzten Ränder vermischen können und gerade, indem sie es tun, die übrigen auseinanderhalten. Dass also diese Farben, wenn man mit der Pappe sich weiter entfernt, indem es doch im Grunde lauter Halbschatten sind, verdünnter erscheinen, entsteht daher, weil sie sich nicht mehr ausbreiten, weil sie schwächer wirken, weil ihre Wirkung nach und nach fast aufhört, weil jede für sich unscheinbar wird, nicht aber weil sie sich vermischen und ein Weiß hervorbringen. Die Neutralisation, die man bei andern Versuchen zugesteht, findet hier nicht einmal statt.

 

536.

Ferner nehme man durch irgendein Hindernis

 

537.

Hier ist schon wieder ein Hindernis, mit dem er bei dem ersten Experiment des zweiten Teils so unglücklich operiert hat, und das er hier nicht besser anwendet.

 

538.

das Licht hinweg, das durch irgendeinen der Zwischenräume der Kammzähne durchgefallen war, so dass die Reihe Farben, welche daher entsprang, aufgehoben sei, und man wird bemerken, dass das Licht der übrigen Reihen an die Stelle der weggenommenen Reihe tritt und sich daselbst färbt.

 

539.

Keineswegs ist dieses das Faktum, sondern ein genauer Beobachter sieht ganz etwas anders. Wenn man nämlich einen Zwischenraum des Kammes zudeckt, so erhält man nur einen breitern Zahn, der, wenn die Intervalle und die Zähne gleich sind, dreimal so breit ist wie die übrigen. An den Grenzen dieses breitern Zahns geht nun gerade das vor, was an den Grenzen der schmäleren vorgeht: der violette Saum erstreckt sich hereinwärts, der gelbrote Rand bezeichnet die andre Seite. Nun ist es möglich, dass bei der gegebenen Distanz diese beiden Farben sich über den breiten Zahn noch nicht erreichen, während sie sich über die schmalen Zähne schon ergriffen haben; wenn man also bei den übrigen Fällen schon Purpur sieht, so wird man hier noch das Gelbrote vom Blauroten getrennt sehen.

 

540.

Lässt man aber diese aufgefangene Reihe wieder wie vorher auf das Papier fallen, so werden die Farben derselben in die Farben der übrigen Reihen einfallen, sich mit ihnen vermischen und wieder das Weiße hervorbringen.

 

541.

Keineswegs; sondern, wie schon oben gedacht, werden die durch die schmalen Kammöffnungen durchfallenden Farbenreihen in einer solchen Entfernung nur unscheinbar, so dass ein zweideutiger, eher bunt als farblos zu nennender Schein hervorgebracht wird.

 

542.

Biegt man nun die Tafel sehr schräg gegen die einfallenden Strahlen, so dass die am stärksten refrangiblen häufiger als die übrigen zurückgeworfen werden, so wird die Weiße der Tafel, weil gedachte Strahlen häufiger zurückgeworfen werden als die übrigen, sich in Blau und Violett verwandeln. Wird das Papier aber im entgegengesetzten Sinne gebeugt, dass die weniger refrangiblen Strahlen am häufigsten zurückgeworfen werden, so wird das Weiße in Gelb und Rot verwandelt.

 

543.

Dieses ist, wie man sieht, nur noch ein Septleva auf das dritte Experiment des zweiten Teils.
Man kann, weil wir einmal diesen Spielausdruck gebraucht haben, Newton einem falschen Spieler vergleichen, der bei einem unaufmerksamen Bankier ein Paroli in eine Karte biegt, die er nicht gewonnen hat, und nachher teils durch Glück, teils durch List ein Ohr nach dem andern in die Karte knickt und ihren Wert immer steigert. Dort operiert er in dem weißen Lichte und hier nun wieder in einem durch den Kamm gegangenen Lichte, in einer solchen Entfernung, wo die Farbenwirkungen der Kammzähne sehr geschwächt sind. Dieses Licht ist aber immer noch ein refrangiertes Licht, und durch jedes Hindernis nahe an der Tafel kann man wieder Schatten und Farbensäume hervorbringen. Und so kann man auch das dritte Experiment hier wiederholen, indem die Ränder, die Ungleichheit der Tafel selbst entweder Violett und Blau oder Gelb und Gelbrot hervorbringen und mehr oder weniger über die Tafel verbreiten, je nachdem die Richtung ist, in welcher die Tafel gehalten wird. Bewies also jenes Experiment nichts, so wird auch gegenwärtiges nichts beweisen, und wir erlassen unsern Lesern das ergo bibamus, welches hier auf die gewöhnliche Weise hinzugefügt wird.

 

Elfter Versuch

544.

Hier bringt der Verfasser jenen Hauptversuch, welchen wir so oft erwähnen und den wir in dem neunzehnten Kapitel von Verbindung objektiver und subjektiver Versuche (E. 3 5 0-3 5 5) vorgetragen haben. Es ist nämlich derjenige, wo ein objektiv an die Wand geworfenes Bild subjektiv heruntergezogen, entfärbt und wieder umgekehrt gefärbt wird. Newton hütet sich wohl, dieses Versuchs an der rechten Stelle zu erwähnen; denn eigentlich gäbe es für denselben gar keine rechte Stelle in seinem Buche, indem seine Theorie vor diesem Versuch verschwindet. Seine fertigen, ewig unveränderlichen Farben werden hier vermindert, aufgehoben, umgekehrt und stellen uns das Werdende, immerfort Entstehende und ewig Bewegliche der prismatischen Farben recht vor die Sinne. Nun bringt er diesen Versuch so nebenbei als eine Gelegenheit, sich weißes Licht zu verschaffen und in demselben mit Kämmen zu operieren. Er beschreibt den Versuch, wie wir ihn auch schon dargestellt, behauptet aber nach seiner Art, dass diese Weiße des subjektiv heruntergeführten Bildes aus der Vereinigung aller farbigen Lichter entstehe, da die völlige Weiße doch hier wie bei allen prismatischen Versuchen den Indifferenzpunkt und die nahe Umwendung der begrenzenden Farben in den Gegensatz andeutet. Nun operiert er in diesem subjektiv weiß gewordnen Bilde mit seinen Kammzähnen und bringt also durch neue Hindernisse neue Farbenstreifen von außen herbei, keineswegs von innen heraus.

 

Zehnter Versuch

545.

Hier kommen wir nun an eine recht zerknickte Karte, an einen Versuch, der aus nicht weniger als fünf bis sechs Versuchen zusammengesetzt ist. Da wir sie aber alle schon ihrem Wert nach kennen, da wir schon überzeugt sind, dass sie einzeln nichts beweisen, so werden sie uns auch in der gegenwärtigen Verschränkung und Zusammensetzung keineswegs imponieren.

Anstatt also dem Verfasser hier, wie wir wohl sonst getan, Wort vor Wort zu folgen, so gedenken wir die verschiedenen Versuche, aus denen der gegenwärtige zusammengesetzt ist, als Glieder dieses monstrosen Ganzen nur kürzlich anzuzeigen, auf das, was schon einzeln gesagt ist, zurückzudeuten und auch so über das gegenwärtige Experiment abzuschließen.

 

Glieder des zehnten Versuchs

546.

1) Ein Spektrum wird auf die bekannte Weise hervorgebracht.
2) Es wird auf eine Linse geworfen und von einer weißen Tafel auf gefangen. Das farblose runde Bild entsteht im Fokus.
3) Dieses wird subjektiv heruntergerückt und gefärbt.
4) jene Tafel wird gebogen. Die Farben erscheinen wie beim zweiten Versuch dieses Teils.
5) Ein Kamm wird angewendet. S. den zwölften Versuch dieses Teils.

 

547.

Wie Newton diesen komplizierten Versuch beschreibt, auslegt und was er daraus folgert, werden diejenigen, welche die Sache interessiert, bei ihm selbst nachsehen, so wie die, welche sich in den Stand setzen, diese sämtlichen Versuche nachzubilden, mit Verwunderung und Erstaunen das ganz Unnütze dieser Aufhäufungen und Verwicklungen von Versuchen erkennen werden. Da auch hier abermals Linsen und Prismen verbunden werden, so kommen wir ohnehin in unserer supplementaren Abhandlung auch auf gegenwärtigen Versuch zurück.

 

Dreizehnter Versuch

Siebe Fig. 3, Taf. XIV

548.

Bei den vorerwähnten Versuchen tun die verschiedenen Zwischenräume der Kammzähne den Dienst verschiedener Prismen, indem ein jeder Zwischenraum das Phänomen eines Prismas hervorbringt.

 

549.

Freilich wohl, aber warum? Weil innerhalb des weißen Raums) der sich im refrangierten Bilde des großen Prismas zeigte, frische Grenzen hervorgebracht werden, und zwar durch den Kamm oder Rechen wiederholte Grenzen, da denn das gesetzliche Farbenspiel sein Wesen treibt.

 

550.

Wenn ich nun also anstatt dieser Zwischenräume verschiedene Prismen gebrauchen und, indem ich ihre Farben vermischte, das Weiße hervorbringen wollte, so bediente ich mich dreier Prismen, auch wohl nur zweier.

 

551.

Ohne uns weitläufig dabei aufzuhalten, bemerken wir nur mit wenigem, dass der Versuch mit mehreren Prismen und der Versuch mit dem Kamm keineswegs einerlei sind. Newton bedient sich, wie seine Figur und deren Erklärung ausweist, nur zweier Prismen, und wir wollen sehen, was durch dieselben oder vielmehr zwischen denselben hervorgebracht wird.

 

552.

Es mögen zwei Prismen A B C und a b c, deren brechende Winkel B und b gleich sind, so parallel gegeneinander gestellt sein, dass der brechende Winkel B des einen den Winkel c an der Base des andern berühre, und ihre beiden Seiten C B und c b, wo die Strahlen heraustreten, mögen gleiche Richtung haben; dann mag das Licht, das durch sie durchgeht, auf das Papier M N, etwa acht oder zwölf Zoll von dem Prisma, hinfallen: alsdann werden die Farben, welche an den innern Grenzen B und c der beiden Prismen entstehen, an der Stelle P T vermischt und daraus das Weiße zusammengesetzt.

 

553.

Wir begegnen diesem Paragraphen, welcher manches Bedenkliche enthält, indem wir ihn rückwärts analysieren. Newton bekennt hier, auch wieder nach seiner Art, im Vorbeigehen, dass die Farben an den Grenzen entstehen, eine Wahrheit, die er so oft hartnäckig geleugnet hat. Sodann fragen wir billig, warum er denn diesmal so nahe an den Prismen operiere, die Tafel nur acht oder zwölf Zoll von denselben entferne. Die verborgene Ursache ist aber keine andere, als dass er das Weiß, das er erst hervorbringen will, in dieser Entfernung noch ursprünglich hat, indem die Farbensäume an den Rändern noch so schmal sind, dass sie nicht übereinandergreifen und kein Grün hervorbringen können. Fälschlich zeichnet also Newton an den Winkeln B und c fünf Linien, als wenn zwei ganze Systeme des Spektrums hervorträten, anstatt dass nur in c der blaue und blaurote, in B der gelbrote und gelbe Rand entspringen können. Was aber noch ein Hauptpunkt ist, so ließe sich sagen, dass, wenn man das Experiment nicht nach der Newtonischen Figur, sondern nach seiner Beschreibung anstellt, so nämlich, dass die Winkel B und c sich unmittelbar berühren und die Seiten C B und c b in einer Linie liegen, dass alsdann an den Punkten B und c keine Farben entspringen können, weil Glas an Glas unmittelbar anstößt, Durchsichtiges sich mit Durchsichtigem verbindet und also keine Grenze hervorgebracht wird

 

554.

Da jedoch Newton in dem Folgenden behauptet, was wir ihm auch zugeben können, dass das Phänomen stattfinde, wenn die beiden Winkel B und c sich einander nicht unmittelbar berühren, so müssen wir nur genau erwägen, was alsdann vorgeht, weil hier die Newtonische falsche Lehre sich der wahren annähert. Die Erscheinung ist erst im Werden; an dem Punkte c entspringt, wie schon gesagt, das Blaue und Blaurote, an dem Punkte B das Gelbrote und Gelbe. Führt man diese nun auf der Tafel genau übereinander, so muss das Blaue das Gelbrote und das Blaurote das Gelbe aufheben und neutralisieren, und weil alsdann zwischen M und N, wo die andern Farbensäume erscheinen, das übrige noch weiß ist, auch die Stelle, wo jene farbigen Ränder übereinander fallen, farblos wird, so muss der ganze Raum weiß erscheinen.

 

555.

Man gehe nun mit der Tafel weiter zurück, so dass das Spektrum sich vollendet und das Grüne in der Mitte sich darstellt, und man wird sich vergebens bemühen, durch übereinanderwerfen der Teile oder des Ganzen farblose Stellen hervorzubringen. Denn das durch Verrückung des hellen Bildes hervorgebrachte Spektrum kann weder für sich allein, noch durch ein zweites gleiches Bild neutralisiert werden, wie sich kürzlich dartun lässt. Man bringe das zweite Spektrum von oben herein über das erste; das Gelbrote, mit dem Blauroten verbunden, bringt den Purpur hervor; das Gelbrote, mit dem Blauen verbunden, sollte eine farblose Stelle hervorbringen; Weil aber das Blaue schon meistens auf das Grüne verwandt ist und das überbliebene schon vom Violetten partizipiert, so wird keine entschiedene Neutralisation möglich. Das Gelbrote über das Grüne geführt, hebt dieses auch nicht auf, weil es allenfalls nur dem darin enthaltenen Blauen widerstrebt, von dem Gelben aber sekundiert wird. Dass das Gelbrote, auf Gelb und Gelbrot geführt, nur noch mächtiger werde, versteht sich von selbst. Und hieraus ist also vollkommen klar, inwiefern zwei solche vollendete Spektra sich zusammen verhalten, wenn man sie teilweise oder im ganzen übereinander bringt.

 

556.

Will man aber in einem solchen vollendeten Spektrum die Mitte, d. h. das Grüne aufheben, so wird dies bloß dadurch Möglich, dass man erst durch zwei Prismen vollendete Spektra hervorbringt, durch Vereinigung von dem Gelbroten des einen mit dem Violetten des andern einen Purpur darstellt und diesen nunmehr mit dem Grünen eines dritten vollendeten Spektrums auf eine Stelle bringt. Diese Stelle wird alsdann farblos, hell und, wenn man will, weiß erscheinen, weil auf derselben sich die wahre Farbentotalität vereinigt, neutralisiert und jede Spezifikation aufhebt. Dass man an einer solchen Stelle das nicht bemerken werde, liegt in der Natur, indem die Farben, welche auf diese Stelle fallen, drei Sonnenbilder und also eine dreifache Erleuchtung hinter sich haben.

 

557.

Wir müssen bei dieser Gelegenheit des glücklichen Gedankens erwähnen, wie man das Lampenlicht, welches gewöhnlich einen gelben Schein von sich wirft, farblos zu machen versucht hat, indem man die bei der Argandischen Lampe angewendeten Glaszylinder mäßig mit einer violetten Farbe tingierte.

 

558.

jenes ist also das Wahre an der Sache. jenes ist die Erscheinung, wie sie nicht geleugnet wird; aber man halte unsere Erklärung, unsere Ableitung gegen die Newtonische: die unsrige wird überall und vollkommen passen, jene nur unter kümmerlich erzwungenen Bedingungen.

 

Vierzehnter Versuch

559.

Bisher habe ich das Weiße hervorgebracht, indem ich die Prismen vermischte.

 

560.

Inwiefern ihm dieses Weiße geraten, haben wir umständlich ausgelegt.

 

561.

Nun kommen wir zur Mischung körperlicher Farben, und da lasst ein dünnes Seifenwasser dergestalt in Bewegung setzen, dass ein Schaum entstehe, und wenn der Schaum ein wenig gestanden hat, so wird derjenige, der ihn recht genau ansieht, auf der Oberfläche der verschiedenen Blasen lebhafte Farben gewahr werden. Tritt er aber so weit davon, dass er die Farben nicht mehr unterscheiden kann, so wird der Schaum weiß sein und zwar ganz vollkommen.

 

562.

Wer sich diesen Übergang in ein ganz anderes Kapitel gefallen lässt, von einem Refraktionsfalle zu einem epoptischen, der ist freilich von einer Sinnes- und Verstandesart, die es auch mit dem Künftigen so genau nicht nehmen wird. Von dem Mannigfaltigen, was sich gegen dieses Experiment sagen lässt, wollen wir nur bemerken, dass hier das Unterscheidbare dem Ununterscheidbaren entgegengesetzt ist, dass aber darum etwas noch nicht aufhört zu sein, nicht aufhört, innerhalb eines Dritten zu sein, wenn es dem äußern Sinne unbemerkbar wird. Ein Kleid, das kleine Flecken hat, wird deswegen nicht rein, weil ich sie in einiger Entfernung nicht bemerke, das Papier nicht weiß, weil ich kleine Schriftzüge darauf in der Entfernung nicht unterscheide. Der Chemiker bringt aus den diluiertesten Infusionen durch seine Reagentien Teile an den Tag, die der gerade, gesunde Sinn darin nicht entdeckte. Und bei Newton ist nicht einmal von geradem, gesundem Sinn die Rede, sondern von einem verkünstelten, in Vorurteilen befangenen, dem Aufstutzen gewisser Voraussetzungen gewidmeten Sinn, wie wir beim folgenden Experiment sehen werden.

 

Fünfzehnter Versuch

563.

Wenn ich nun zuletzt aus farbigen Pulvern, deren sich die Maler bedienen, ein Weiß zusammenzusetzen versuchte, so fand ich, dass alle diese farbigen Pulver einen großen Teil des Lichts, wodurch sie erleuchtet werden, in sich verschlingen und auslöschen.

 

564.

Hier kommt der Verfasser schon wieder mit seiner Vorklage, die wir so wie die Nachklagen an ihm schon lange gewohnt sind. Er muss die dunkle Natur der Farbe anerkennen, er weiß jedoch nicht, wie er sich recht dagegen benehmen soll, und bringt nun seine vorigen unreinen Versuche, seine falschen Folgerungen wieder zu Markte, wodurch die Ansicht immer trüber und unerfreulicher wird.

 

565.

Denn die farbigen Pulver erscheinen dadurch gefärbt, dass sie das Licht der Farbe, die ihnen eigen ist, häufiger und das Licht aller andern Farben spärlicher zurückwerfen, und doch werfen sie das Licht ihrer eigenen Farben nicht so häufig zurück, als weiße Körper tun. Wenn Mennige z. B. und weißes Papier in das rote Licht des farbigen Spektrums in der dunklen Kammer gelegt werden, so wird das Papier heller erscheinen als die rote Mennige und deswegen die rubrifiken Strahlen häufiger als die Mennige zurückwerfen.

 

566.

Die letzte Folgerung ist nach Newtonischer Weise wieder übereilt. Denn das Weiße ist ein heller Grund, der, von dem roten Halblicht erleuchtet, durch dieses zurückwirkt und das prismatische Rot in voller Klarheit sehen lässt; die Mennige aber ist schon ein dunkler Grund, von einer Farbe, die dem prismatischen Rot zwar ähnlich, aber nicht gleich spezifiziert ist. Dieser wirkt nun, indem er von dem roten prismatischen Halblicht erleuchtet wird, durch dasselbe gleichfalls zurück, aber auch schon als ein Halbdunkles. Dass daraus eine verstärkte, verdoppelte, verdüsterte Farbe hervorgehen müsse, ist natürlich.

 

567.

Und wenn man Papier und Mennige in das Licht anderer Farben hält, so wird das Licht, das vom Papier zurückstrahlt, das Licht, das von der Mennige kommt, in einem weit größeren Verhältnisse übertreffen.

 

568.

Und dieses naturgemäß, wie wir oben genugsam auseinandergesetzt haben. Denn die sämtlichen Farben erscheinen auf dem weißen Papier, jede nach ihrer eigenen Bestimmung, ohne gemischt, gestört, beschmutzt zu sein, wie es durch die Mennige geschieht, wenn sie nach dem Gelben, Grünen, Blauen, Violetten hingerückt wird. Und dass sich die übrigen Farben ebenso verhalten, ist unsern Lesern schon früher deutlich geworden. Die folgende Stelle kann sie daher nicht mehr überraschen, ja das Lächerliche derselben muss ihnen auffallend sein, wenn er verdrießlich, aber entschlossen fortfährt:

 

569.

Und deswegen, indem man solche Pulver vermischt, müssen wir nicht erwarten, ein reines und vollkommenes Weiß zu erzeugen, wie wir etwa am Papier sehen, sondern ein gewisses düsteres dunkles Weiß, wie aus Mischung von Licht und Finsternis entstehen möchte,

 

570.

Hier springt ihm endlich auch dieser so lang zurückgehaltene Ausdruck durch die Zähne; so muss er immer wie Bileam segnen, wenn er fluchen will, und alle seine Hartnäckigkeit hilft ihm nichts gegen den Dämon der Wahrheit, der sich ihm und seinem Esel so oft in den Weg stellt. Also aus Licht und Finsternis! Mehr wollten wir nicht. Wir haben die Entstehung der Farben aus Licht und Finsternis abgeleitet, und was jeder einzelnen, jeder besonders spezifizierten als Hauptmerkmal, allen nebeneinander als gemeines Merkmal zukommt, wird auch der Mischung zukommen, in welcher die Spezifikationen verschwinden. Wir nehmen also recht gerne an, weil es uns dient, wenn er fortfährt:

 

571.

oder aus Weiß und Schwarz, nämlich ein graues, braunes, rotbraunes, dergleichen die Farbe der Menschennägel ist, oder mäusefarben, aschfarben, etwa steinfarben oder wie der Mörtel, Staub oder Straßenkot aussieht und dergleichen. Und so ein dunkles Weiß habe ich oft hervorgebracht, wenn ich farbige Pulver zusammenmischte.

 

Es war Goethe, seit er sich überhaupt mit der Farbenlehre beschäftigte, im innersten zuwider, daß Newton in dem Grau nur ein modifiziertes Weiß sieht. Die Unstatthaftigkeit davon tritt noch deutlicher hervor, wenn Weiß auch noch mit Licht identifiziert wird. Denn Licht und Nicht-Licht sind für Goethe polare Gegensätze und Weiß und Schwarz nur die Repräsentanten jener ersten an der undurchsichtigen Materie. Wie soll also dadurch, daß ein Grau entsteht, bewiesen werden, daß die Farben das Weiß zusammensetzen? Das Grau nimmt an dem Schwarzen nicht minder teil als an dem Weißen. Die Farben also gewissermaßen auch. Sie sind also Halblichter oder Halbschatten, d. h. abgeschwächtes, modifiziertes Licht, Licht, an dem etwas geschehen ist; nicht aber Lichter. (R. Steiner)

 

572.

Woran denn freilich niemand zweifeln wird; nur wünschte ich, dass die sämtlichen Newtonianer dergleichen Leibwäsche tragen müssten, damit man sie an diesem Abzeichen von andern vernünftigen Leuten unterscheiden könnte.

 

573.

Dass ihm nun sein Kunststück gelingt, aus farbigen Pulvern ein Schwarzweiß zusammenzusetzen, daran ist wohl kein Zweifel; doch wollen wir sehen, wie er sich benimmt, um wenigstens ein so helles Grau als nur möglich hervorzubringen.

 

574.

Denn so setzte ich z. B. aus einem Teil Mennige und fünf Teilen Grünspan eine Art von Mäusegrau zusammen.

 

575.

Der Grünspan, pulverisiert, erscheint hell und mehlig, deshalb braucht ihn Newton gleich zuerst, sowie er sich durchaus hütet, satte Farben anzuwenden.

 

576.

Denn diese zwei Farben sind aus allen andern zusammengesetzt, so dass sich in ihrer Mischung alle übrigen befinden.

 

577.

Er will hier dem Vorwurf ausweichen, dass er ja nicht aus allen Farben seine Unfarbe zusammensetze. Welcher Streit unter den späteren Naturforschern über die Mischung der Farben überhaupt und über die endliche Zusammensetzung der Unfarbe aus drei, fünf oder sieben Farben entstanden, davon wird uns die Geschichte Nachricht geben.

 

578.

Ferner mit einem Teil Mennige und vier Teilen Bergblau setzte ich eine graue Farbe zusammen, die ein wenig gegen den Purpur zog, und indem ich dazu eine gewisse Mischung von Operment und Grünspan in schicklichem Maße hinzufügte, verlor die Mischung ihren Purpurschein und ward vollkommen grau. Aber der Versuch geriet am besten ohne Mennige folgendermaßen. Zum Operment tat ich nach und nach satten glänzenden Purpur hinzu, wie sich dessen die Maler bedienen, bis das Operment aufhörte, gelb zu sein, und blassrot erschien. Dann verdünnte ich das Rot, indem ich etwas Grünspan und etwas mehr Bergblau als Grünspan hinzutat, bis die Mischung ein Grau oder ein blasses Weiß annahm, das zu keiner Farbe mehr als zu der andern hinneigte. Und so entstand eine Farbe an Weiße der Asche gleich oder frisch gehauenem Holze oder der Menschenhaut.

 

579.

Auch in dieser Mischung sind Bergblau und Grünspan die Hauptingredienzien, welche beide ein mehliges, kreidenhaftes Ansehen haben. ja, Newton hätte nur immer noch Kreide hinzumanschen können, um die Farben immer mehr zu verdünnen und ein helleres Grau hervorzubringen, ohne dass dadurch in der Sache im mindesten etwas gewonnen wäre.

 

580.

Betrachtete ich nun, dass diese grauen und dunklen Farben ebenfalls hervorgebracht werden können, wenn man Weiß und Schwarz zusammenmischt, und sie daher vom vollkommenen Weißen nicht in der Art der Farbe, sondern nur in dem Grade der Hellung verschieden sind:

 

581.

Hier liegt eine ganz eigene Tücke im Hinterhalt, die sich auf eine Vorstellungsart bezieht, von der an einem andern Orte gehandelt werden muss, und von der wir gegenwärtig nur so viel sagen. Man kann sich ein weißes Papier im völligen Lichte denken, man kann es bei hellem Sonnenscheine in den Schatten legen, man kann sich ferner denken, dass der Tag nach und nach abnimmt, dass es Nacht wird, und dass das weiße Papier vor unsern Augen zuletzt in der Finsternis verschwindet. Die Wirksamkeit des Lichtes wird nach und nach gedämpft und so die Gegenwirkung des Papieres, und wir können uns in diesem Sinne vorstellen, dass das Weiße nach und nach in das Schwarze übergehe. Man kann jedoch sagen, dass der Gang des Phänomens dynamischer, idealer Natur ist.

 

582.

Ganz entgegengesetzt ist der Fall, wenn wir uns ein weißes Papier im Lichte denken und ziehen erst eine dünne schwarze Tinktur darüber. Wir verdoppeln, wir verdreifachen den Überzug, so dass das Papier immer dunkler grau wird, bis wir es zuletzt so schwarz als möglich färben, so dass von der weißen Unterlage nichts mehr hindurchscheint. Wir haben hier auf dem atomistischen, technischen Weg eine reale Finsternis über das Papier verbreitet, welche durch auffallendes Licht wohl einigermaßen bedingt und gemildert, keineswegs aber aufgehoben werden kann. Nun sucht sich aber unser Sophist zwischen diesen beiden Arten, die Sache darzustellen und zu denken, einen Mittelstand, wo er, je nachdem es ihm nützt, eine von den beiden Arten braucht, oder vielmehr, wo er sie beide übereinander schiebt, wie wir gleich sehen werden.

zu 580--582: Wenn eine graue Fläche durch Aufhellung weiß erscheint, so müssen die Bedingungen eintreten, die zur Hervorbringung des Weißen überhaupt notwendig sind: es muß das Licht an der materiellen Grenze gleichsam fixiert werden. Dann erscheint das Weiß an dem Grau, aber nicht das Grau als Weiß. Es hat nicht eine Aufhellung des Grau stattgefunden, sondern das Weiße erscheint als physische Farbe an einem Körper, dessen chemische Farbe sonst grau ist. (R. Steiner)

 

583.

So ist offenbar, dass nichts weiter nötig ist, um sie vollkommen weiß zu machen, als ihr Licht hinlänglich zu vermehren, und folglich, wenn man sie durch Vermehrung ihres Lichtes zur vollkommnen Weiße bringen kann, so sind sie von derselben Art Farbe wie die besten Weißen und unterscheiden sich allein durch die Quantität des Lichtes.

 

584.

Es Ist ein großes Unheil, das nicht allein durch die Newtonische Optik, sondern durch mehrere Schriften, besonders jener Zeit, durchgeht, dass die Verfasser sich nicht bewusst sind, auf welchem Standpunkt sie stehen, dass sie erst mitten in dem Realen stecken, auf einmal sich zu einer idealen Vorstellungsart erheben und dann wieder ins Reale zurückfallen. Daher entstehen die wunderlichsten Vorstellungs- und Erklärungsweisen, denen man einen gewissen Gehalt nicht absprechen kann, deren Form aber einen innern Widerspruch mit sich führt. Ebenso ist es mit der Art, wie Newton nunmehr sein Hellgrau zum Weißen erheben will.

 

585.

Ich nahm die dritte der oben gemeldeten grauen Mischungen und strich sie dick auf den Fußboden meines Zimmers, wohin die Sonne durch das offne Fenster schien, und daneben legte ich ein Stück weißes Papier von derselbigen Größe in den Schatten.

 

586.

Was hat unser Ehrenmann denn nun getan? Um das reell dunkle Pulver weiß zu machen, muss er das reell weiße Papier schwärzen; um zwei Dinge miteinander vergleichen und sie gegeneinander auf heben zu können, muss er den Unterschied, der zwischen beiden obwaltet, wegnehmen. Es ist eben, als wenn man ein Kind auf den Tisch stellte, vor dem ein Mann stünde, und behauptete nun, sie seien gleich groß.

 

587.

Das weiße Papier im Schatten ist nicht mehr weiß: denn es ist verdunkelt, beschattet; das graue Pulver in der Sonne ist doch nicht weiß: denn es führt seine Finsternis unauslöschlich bei sich. Die lächerliche Vorrichtung kennt man nun; man sehe, wie sich der Beobachter dabei benimmt.

 

588.

Dann ging ich etwa zwölf oder achtzehn Fuß hinweg, so dass ich die Unebenheiten auf der Oberfläche des Pulvers nicht sehen konnte, noch die kleinen Schatten, die von den einzelnen Teilen der Pulver etwa fallen mochten; da sah das Pulver vollkommen weiß aus, so dass es gar noch das Papier an Weiße übertraf, besonders wenn man von dem Papiere noch das Licht abhielt, das von einigen Wolken her darauf fiel. Dann erschien das Papier, mit dem Pulver verglichen, so grau als das Pulver vorher.

 

589.

Nichts ist natürlicher! Wenn man das Papier, womit das Pulver verglichen werden soll, durch einen immer mehr entschiedenen Schatten nach und nach verdunkelt, so muss es freilich immer grauer werden. Er lege doch aber das Papier neben das Pulver in die Sonne oder streue sein Pulver auf ein weißes Papier, das in der Sonne liegt, und das wahre Verhältnis wird hervortreten.

 

590.

Wir übergehen, was er noch weiter vorbringt, ohne dass seine Sache dadurch gebessert würde. Zuletzt kommt gar noch ein Freund herein, welcher auch das graue, in der Sonne liegende Pulver für weiß anspricht, wie es einem jeden, der überrascht in Dingen, welche zweideutig in die Sinne fallen, ein Zeugnis abgeben soll, gar leicht ergehen kann.

 

591.

Wir überschlagen gleichfalls sein triumphierendes ergo bibamus, indem für diejenigen, welche die wahre Ansicht zu fassen geneigt sind, schon im Vorhergehenden genugsam gesagt ist.