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Erste Proposition. Erstes Theorem

Die Farbenphänomene bei gebrochenem oder zurückgeworfenem Lichte werden nicht durch neue Modifikationen des Lichtes verursacht, welche nach der Verschiedenheit der Begrenzungen des Lichtes und Schattens verschiedentlich eingedrückt würden.

 

324.

Da wir in unserm Entwurf gezeigt, dass bei der Refraktion gar keine Farben entstehen als da, wo Licht und Dunkel aneinander grenzen, so werden diejenigen, welche sich durch unsern Vortrag von der Wahrheit dieser Verhältnisse überzeugt haben, neugierig sein, zu erfahren, wie sich Newton benehme, um nunmehr das Wahre unwahr zu machen. Er verfährt hierbei wie in dem ersten Falle, da er das Unwahre wahr zu machen gedachte, wie wir bald im einzelnen einsehen werden

 

Erster Versuch

Siehe Fig. 4, Taf. XIII

325.

Lasset die Sonne in eine dunkle Kammer scheinen durch eine längliche Öffnung F.

 

326.

Diese Öffnung muss notwendig in die Höhe gehen, obgleich die Figur nur einen Punkt vorstellt und also dadurch sogleich die Einsicht in die Sache erschwert.

 

327.

Die Breite kann sechs oder acht Teile eines Zolls sein, auch weniger.

 

328.

Diese erste Vorrichtung bestehe also in einer etwa sechs Zoll hohen und äußerst schmalen Spalte im Bleche des Fensterladens.

 

329.

Nun gehe der Strahl F H

 

330.

Nun ist es schon wieder ein Strahl, da es doch eigentlich nur ein von einer Seite sehr verschmälertes, von der andern sehr verlängertes Sonnenbild ist.

 

331.

zuerst durch ein ziemlich großes Prisma ABC, das ungefähr zwanzig Fuß von der Öffnung steht.

 

332.

Warum denn nun wieder zwanzig Fuß? Über dieses Einführen von Bedingungen, ohne dass man die Ursachen davon entdeckt, haben wir uns öfters beklagt und durchaus gefunden, dass sie entweder überflüssig oder kaptiös sind. Hier ist die Bedingung kaptiös. Denn eigentlich will er nur ein ganz schwaches Licht haben, ganz schwache Farben hervorbringen, ja vielleicht gar den Versuch gleichsam unmöglich machen. Denn wer hat gleich eine dunkle Kammer von zwanzig Fuß Tiefe und drüber, und wenn er sie hat, wie lange steht denn die Sonne niedrig genug, um in der Mittagszeit die dem Fenster entgegengesetzte Wand oder ein Prisma, das doch wenigstens in einiger Höhe vom Boden stehen muss, zu bescheinen?

 

333.

Wir erklären daher diese Bedingung für ganz unnötig, da der Versuch mit dem Prisma geschieht und keine Linse mit ins Spiel kommt, wo sich wegen der Brenn- und Bildweite die Bedingungen der Entfernung allenfalls notwendig machen.

 

334.

Dieses Prisma sei parallel zu der Öffnung.

 

335.

Das heißt parallel zur Tafel, worin die Öffnung sich befindet, parallel zur Fensterbank, eigentlich aber, wie bei allen prismatischen Versuchen, so, dass eine aus dem Mittelpunkt des Sonnenbildes gedachte Linie rechtwinklig auf dem Prisma stehe.

 

336.

Dann gehe dieser Strahl mit seinem weißen Teile

 

337.

Hier haben wir also wieder einen weißen Teil eines schon gebrochnen Strahles. Es ist aber weiter nichts als die weiße Mitte des sehr verlängerten Bildes.

 

338.

durch eine längliche Öffnung H,

 

339.

Diese längliche Öffnung ist auch wieder als ein Punkt gezeichnet, wodurch die Darstellung ganz falsch wird; denn diese Öffnung muss bei dem Versuch auch länglich sein und vertikal stehen wie die Öffnung F im Fensterladen.

 

340.

welche breit sei den vierten oder sechsten Teil eines Zolles.

 

341.

Das heißt doch also nur eine schmale Ritze. Und warum soll denn diese Ritze so schmal sein? Bloß damit man nicht sehe, was denn eigentlich vorgeht und was getrieben wird.

 

342.

Diese Öffnung H sei in einen schwarzen, dunklen Körper G 1 gemacht.

 

343.

Dass das Blech oder die Pappe G 1 schwarz sei, ist gar nicht nötig; dass sie aber undurchsichtig sei, versteht sich von selbst.

 

344.

und stehe zwei oder drei Fuß vom Prisma

 

345.

Diese Entfernung ist aber auch wieder gleichgültig oder zufällig.

 

346.

in einer parallelen Lage zu dem Prisma und zu der vordern Öffnung.

 

347.

Weil Newton seine Versuche nicht in einer natürlichen Ordnung, sondern auf eine künstlich verschränkte Weise vorbringt, so ist er genötigt, bei einem jeden Versuch den ganzen Apparat zu beschreiben, da derselbe Apparat doch schon öfter dagewesen ist und Newton sich, wenn er redlich wäre, nur auf den vorigen beziehen könnte. Allein bei ihm wird jeder Versuch für sich aufgebaut und das Notwendige mit unnötigen Bedingungen durchwebt, so dass eben dadurch das Helldunkel entsteht, in dem er so gern operiert.

 

348.

Wenn nun das weiße Licht durch die Öffnung H durchgegangen, so falle es auf ein weißes Papier p t, das hinter der Öffnung ungefähr drei bis vier Fuß entfernt steht, damit sich die gewöhnlichen Farben des Prismas darauf abbilden mögen, nämlich Rot in t, Gelb in s, Grün in r, Blau in q und Violett in p.

 

349.

Man gebe wohl acht! Das Licht ist an der Spalte weiß angekommen und bildet hinter derselben das Spektrum. Auf das, was folgt, wende man nun aber alle Aufmerksamkeit.

 

350.

Man nehme einen Eisendraht oder sonst einen dünnen undurchsichtigen Körper, dessen Stärke ungefähr der zehnte Teil eines Zolls ist; damit kann man die Strahlen in k 1 in n o auffangen.

 

351.

Nun nehme man die Figur vor sich und sehe, wo sich denn diese Strahlen k 1 in n o finden sollen. Diese Buchstaben stehen vor dem Prisma gegen die Sonne zu und sollen also, wie auch die fünf Linien bezeichnen, farbige Strahlen vorstellen, wo noch keine Farbe ist. In keiner Figur des ganzen Werkes, in keinem Experiment ist noch dergleichen vorgekommen, ist uns zugemutet worden, etwas, das selbst gegen den Sinn des Verfassers ist, anzunehmen und zuzugeben.

 

352.

Was tut denn also das Stäbchen R, indem es an der Außenseite des Prismas herumfährt? Es schneidet das farblose Bild in mehrere Teile, macht aus einem Bild mehrere Bilder. Dadurch wird freilich die Wirkung in p q r s t verwirrt und verunreinigt; aber Newton legt die Erscheinung dergestalt aus:

 

353.

Sind die Strahlen k 1 in n o sukzessiv aufgefangen, so werdet ihr auch die Farben t s r q oder p eine nach der andern dadurch wegnehmen, indessen die übrigen auf dem Papier bleiben wie vorher; oder mit einem etwas stärkeren Hindernis könnt ihr zwei, drei oder vier Farben zusammen wegnehmen, so dass der Überrest bleibt.

 

354.

Die drei ersten Figuren unserer 13. Tafel stellen die Erscheinungen dieses ersten Versuchs der Wahrheit gemäß vor. Da wir bei Beschreibung und Erklärung dieser Tafel die Sache umständlicher entwickeln, so erlauben wir uns, unsre Leser dorthin zu verweisen, und fragen nur vorläufig: Was hat denn Newton vorgenommen, um seinen Satz zu beweisen?

 

355.

Er behauptet, dass Ränder, dass Grenzen des Hellen und Dunklen keinen Einfluß auf die Farbenerscheinung bei der Refraktion haben; und was tut er in seinem Experiment? Er bringt dreimal Grenzen hervor, damit er beweise, die Grenze sei ohne Bedeutung!

 

356.

Die erste Grenze ist oben und unten an der Öffnung F im Fensterladen. Er behält noch weißes Licht in der Mitte, gesteht aber nicht, dass schon Farben an den beiden Enden sich zeigen. Die zweite Grenze wird durch die Ritze H hervorgebracht. Denn warum wird denn das refrangierte Licht, das weiß auf der Tafel G 1 ankommt, farbig, als weil die Grenze der Ritze H oben und unten die prismatischen Farben hervorbringt? Nun hält er das dritte Hindernis, einen Draht oder sonst einen andern zylindrischen Körper, vor das Prisma und bringt also dadurch abermals Grenzen hervor, bringt im Bilde ein Bild, die Färbung an den Rändern des Stäbchens umgekehrt hervor. Besonders erscheint die Purpurfarbe in der Mitte, an der einen Seite das Blaue, an der andern das Gelbe. Nun bildet er sich ein, mit diesem Stäbchen farbige Strahlen wegzunehmen, wirft aber dadurch nur ein ganz gefärbtes schmales Bild auf die Tafel G I. Mit diesem Bilde operiert er denn auch in die Öffnung H hinein, verdrängt, verschmutzt die dort abgebildeten Farben, ja verhindert sogar ihr Werden, indem sie in der Öffnung H erst werdend sind, und setzt denjenigen, der die Verhältnisse einsehen lernt, in Erstaunen, wie man sich so viele unredliche Mühe geben konnte, ein Phänomen zu verwirren, und wie ein Mann von solchen Talenten in diesem Fall gerade dasjenige tun konnte, was er leugnet. So ist denn auch das, was hierauf folgt, keineswegs der Erfahrung gemäß.

 

357.

Auf diese Weise kann jede der Farben so gut als die violette die letzte an der Grenze des Schattens, gegen p zu, werden, und eine jede kann so gut als das Rote die letzte an der Grenze des Schattens t sein.

 

358.

Einem unaufmerksamen Zuschauer könnte man wohl dergleichen vorspiegeln, weil durch das Hindernis R neue Farben entstehen, indem die alten verdrängt werden; aber man kann geradezu sagen: wie Newton die Sache ausdrückt, ist sie nicht wahr; bei den mittlern Farben kann er wohl eine Konfusion hervorbringen, doch nicht an der Grenze; weder in p noch in t wird man jemals Grün sehen können. Man beherzige genau die folgende Stelle, wo er wieder anfängt, wie Bileam das Entgegengesetzte von dem zu sagen, was er sagen will.

 

359.

ja, einige Farben können auch den Schatten begrenzen, welcher durch das Hindernis R innerhalb des Farbenbildes hervorgebracht worden.

 

360.

Nun gesteht er also, dass er durch sein Hindernis R Schatten hervorbringt, dass an diesen Schatten Farbensäume gesehen werden, und dies sagt er zum Beweis, dass die Grenze des Lichtes und Schattens auf die Farbe nicht einfließe! Man gebe uns ein Beispiel in der Geschichte der Wissenschaften, wo Hartnäckigkeit und Unverschämtheit auf einen so hohen Grad getrieben worden.

 

361.

Zuletzt kann jede Farbe, wenn man alle übrigen weggenommen hat und sie allein bleibt, zugleich an beiden Seiten vom Schatten begrenzt sein.

 

362.

Dass die schon entstandene Farbe des prismatischen Bildes einzeln durch irgendeine Öffnung gelassen und isoliert werden könne, wird nicht geleugnet; dass man durch das Stäbchen etwas Ähnliches hervorbringen könne, ist natürlich; allein der aufmerksame Beobachter wird selbst an dieser entstandenen Farbe die durch diese Einklemmung abgenötigte entgegengesetzte Farbe entstehen sehen, die bei der Unreinlichkeit dieses Versuchs dem Unerfahrenen entgehen möchte. Ganz vergeblich also zieht er den Schluss:

 

363.

Alle Farben verhalten sich gleichgültig zu den Grenzen des Schattens.

 

364.

Dass die Grenzen des Schattens nach ganz bestimmten Gesetzen bei der Refraktion auf die Farben wirken, haben wir in dem Entwurf umständlich gezeigt.

 

365.

Und deswegen entstehen die Unterschiede dieser Farben voneinander nicht von den Grenzen des Schattens, wodurch das Licht verschiedentlich modifiziert würde, wie es bisher die Meinung der Philosophen gewesen.

 

366.

Da seine Prämissen falsch sind, seine ganze Darstellung unwahr, so ist seine Konklusion auch nichtig, und wir hoffen, die Ehre der alten Philosophen wiederherzustellen, die bis auf Newton die Phänomene in wahrer Richtung verfolgt, wenn auch gleich manchmal auf Seitenwege abgelenkt hatten.

Der Schluss seiner Darstellung lässt uns noch etwas tiefer in die Karte sehen.

 

367.

Wenn man diese Dinge versucht, so muss man bemerken, dass, je schmäler die Öffnungen F und H sind, je größer die Intervalle zwischen ihnen und dem Prisma, je dunkler das Zimmer, um desto mehr werde das Experiment gelingen, vorausgesetzt, dass das Licht nicht so sehr vermindert sei, dass man die Farben bei p t nicht noch genugsam sehen könne.

 

368.

Dass also wegen der Entfernung vom Fenster, wegen der Entfernung der Tafeln vom Prisma die Lichter sehr schwach sind, mit denen man operiere, gesteht er. Die Öffnungen sollen kaum Ritzen sein, so dass das Farbenbild auch nicht einmal einige Breite habe, und man soll denn doch genau beobachten können, welche Farbe denn eigentlich die Grenze macht. Eigentlich aber ist es nur darauf angelegt, das Ganze den Sinnen zu entziehen, blasse Farben hervorzubringen, um innerhalb derselben mit dem Stäbchen R desto besser operieren zu können. Denn wer den Versuch, wie wir ihn nachher vortragen werden, beim energischen Lichte macht, der wird das Unwahre der Assertion auffallend genug finden.

 

369.

Ein Prisma von massivem Glas, das groß genug zu diesem Experiment wäre, zu finden, würde schwer sein, weswegen ein prismatisches Gefäß, von polierten Glasplatten zusammengefügt und mit Salzwasser oder 01 gefüllt, nötig ist.

 

370.

Wie wir Newton schon oben den Vorwurf gemacht, dass er die Beschreibung seines Apparats bei jedem Experiment wiederholt, ohne dass man das Verhältnis der Experimente, die mit gleichem Apparat hervorgebracht werden, gewahr wird, so lässt sich auch hier bemerken, dass Newton immer sein Wasserprisma bringt, wenn er die weiße Mitte braucht und also ein großes Bild durch Refraktion verrücken muss.

 

371.

Merkwürdig ist es, wie er erstlich diese weiße Mitte durch eine Hintertüre hereinschiebt und sie nach und nach so überhand nehmen lässt, dass von den sie begrenzenden Rändern gar die Rede nicht mehr ist; und das alles geht vor den Augen der gelehrten und experimentierenden Welt vor, die doch sonst genau und widersprechend genug ist

 

Zweiter Versuch

372.

Da dieser Versuch gleichfalls unter die zusammengesetzten gehört, wobei Prismen und Linsen vereinigt gebraucht werden, so können wir denselben nur erst in unserm mehr erwähnten supplementaren Aufsatz entwickeln. Auch dürfen wir ihn um so eher hier übergehen, als Newton einen völlig gleich geltenden nachbringt, der, wie er selbst gesteht, bequemer ist und, genau betrachtet, den gegenwärtigen völlig unnötig macht

 

Dritter Versuch

Siehe Fig. i, Taf. XIV

373.

Ein anderes ähnliches Experiment lässt sich leichter anstellen, wie folgt. Lasst einen breiten Sonnenstrah

 

Man kann natürlich nur von einer breiten Lichtmasse, nicht von einem breiten Strahl sprechen. Denn der Lichtstrahl ist, wie schon oft gesagt, eine gedachte, mathematische Linie ohne Breite, weil überhaupt ohne Ausdehnung. Er versinnlicht nur die Richtung des Lichtes. (R. Steiner)

 

374.

Nun ist der Sonnenstrahl breit. Es heißt aber weiter nichts als: man mache die Öffnung groß, wodurch das Licht hereinfällt; ja, welches bei diesem Versuch ganz einerlei ist, man stelle das Prisma ins freie Sonnenlicht. Hier aber soll es

 

375.

in eine dunkle Kammer fallen durch eine Öffnung im Fensterladen und durch ein großes Prisma ABC gebrochen werden,

 

376.

Unser gewöhnliches Wasserprisma ist zu diesem Versuche sehr geschickt.

 

377.

dessen brechender Winkel C mehr als sechzig Grad hat,

 

378.

Diese Vermehrung der Grade des Winkels ist bei diesem Versuch besonders ganz unnütz, nur eine Bedingung, die einen sehr leichten Versuch erschwert, indem sie einen umständlicheren Apparat fordert, als er sich gewöhnlich findet.

 

379.

und sobald es aus dem Prisma kommt, lasst es auf das weiße Papier D E, das auf eine Pappe gezogen ist, fallen, und dieses Licht, wenn das Papier perpendikular gegen dasselbe steht, wie es in D E gezeichnet ist, wird vollkommen weiß auf dem Papier erscheinen.

 

380.

Hier haben wir nun also endlich ein durchs Prisma gegangnes, gebrochnes und völlig weißes Licht. Wir müssen hier abermals, und wäre es unsern Lesern verdrießlich, aufmerksam machen, wie es hereingekommen.

 

381.

Erstlich, im dritten Experiment des ersten Teils wird uns ein völlig farbiges Spektrum vorgeführt und an demselben durch mancherlei Versuche und Folgerungen die diverse Refrangibilität bewiesen. Ist der Verfasser damit zustande, so kommt am Ende der Illustration des fünften Experiments ein zwar refrangiertes, aber doch noch weißes Licht unangemeldet zum Vorschein. Nun bringt er auch bald das sonst stetig gefärbte Bild mit einer weißen Mitte. Dann fängt er an, in dieser weißen Mitte zu operieren, manchmal sogar, ohne es zu gestehen, und jetzt, weil er die Wirkung der Grenze zwischen Licht und Schatten nicht anerkennt, leugnet er auf der Tafel D E jede farbige Erscheinung. Warum sind denn aber die an den beiden Enden A C der inneren Seite des Prismas hervortreten- den farbigen Ränder verschwiegen? Warum ist denn die Tafel D E nicht größer angegeben? Doch wohl nur darum, weil er sonst, wenn sie größer wäre, notwendig jener auf ihr erscheinenden Ränder gedenken müsste.

 

382.

Man betrachte nun die Figur und sehe, wie ein Linienstrom auf das Prisma herankommt, durch dasselbe durchgeht und hinter demselben wieder heraustritt, und dieser Linienstrom soll einen durchaus weißen Raum vorstellen. Indessen werden uns durch diese fingierten Linien die hypothetischen Strahlen doch wieder vor die Augen gebracht. Nun bemerke man aber wohl, was mit der Tafel D E vorgeht. Sie wird in die Stellung d e gebracht, und was geschieht in e? Das gebrochene Licht gelangt weiß an den Rand der Tafel und beginnt an diesem Rande sogleich die in eine Seite der Farben hervorzubringen, und zwar in dieser Lage die gelbe und gelbrote. Dieser hier entstehende Rand und Saum verbreitet sich über die ganze Tafel wegen der schiefen Lage derselben, und also da, wo Newton einen Rand, eine Grenze leugnet, muss er gerade einen Rand hervorbringen, um das Phänomen, wovon er spricht, darzustellen. In der Lage 6 F entsteht die umgekehrte Erscheinung, nämlich der violette Rand, und verbreitet sich gleichfalls über die ganze Tafel, wie man sich dessen genugsam an unserer wahrheitsgemäßen Figur unterrichten kann.

Da also Newton nicht einsehen konnte, dass hier der Rand der Tafel vollkommen wirksam sei, so bleibt er bei seiner starren Überzeugung, indem er fortfährt:

 

383.

Und wenn das Licht, ehe es auf das Papier fällt, zweimal 11 derselben Richtung durch zwei parallele Prismen gebrochen wird, so werden diese Farben viel deutlicher sein.

 

384.

Also ein Licht kann zweimal durch zwei hintereinanderstehende Prismen gebrochen werden und immer weiß bleiben und so auf der Tafel D E ankommen? Dies merke man doch ja! Dass aber nachher, wenn man in diesem doppelt gebrochnen weißen Lichte operiert, die Farben lebhafter erscheinen, ist natürlich, weil die Verrückung des Bildes verdoppelt wird. Aber diese Vorrichtung, die keineswegs leicht zu machen ist, weil man nach seiner Forderung zwei Wasserprismen und beide am Ende gar über sechzig Grade haben sollte, diese Steigerung des Versuchs hier anzuempfehlen, ist abermals gänzlich unnütz; denn bei der Operation mit einem Prisma sind die Farben schon deutlich genug, und wer da nicht sieht, wo sie herkommen, der wird es durch das zweite Prisma auch nicht lernen. Indessen fährt Newton fort:

 

385.

Hier geschah es nun, dass alle die mittleren Teile des breiten Strahls vom weißen Lichte, das auf das Papier fiel, ohne eine Grenze von Schatten, die es hätte modifizieren können, über und über mit einer gleichen Farbe gefärbt wurden.

 

386.

Wir haben oben gezeigt, dass der Rand der Pappe hier selbst die Grenze mache und seinen gefärbten Halbschatten über das Papier hinwerfe.

 

387.

Die Farbe aber war ganz dieselbe in der Mitte des Papiers wie an den Enden.

 

388.

Keineswegs! Denn der genaue Beobachter wird recht gut einmal an der Grenze das Gelbrote, aus dem das Gelbe sich entwickelt, das andre Mal das Blaue, von dem das Violette herstrahlt, bemerken können.

 

389.

Die Farbe wechselte nur nach der verschiedenen Schiefe der Tafel, ohne dass in der Refraktion oder dem Schatten oder dem Licht etwas wäre verändert worden.

 

390.

Er biegt seine Pappe hin und wieder und behauptet, es sei in den Umständen nichts verändert worden. Dasselbe behauptete er mit ebenso wenig Genauigkeit beim vorigen Experimente. Da er nun immer die Hauptmomente übersieht und sich um seine Prämissen nichts bekümmert, so ist sein ergo immer dasselbige.

 

391.

Es fällt uns bei dieser Gelegenheit ein, dass Basedow, der ein starker Trinker war und in seinen besten Jahren in guter Gesellschaft einen sehr erfreulichen Humor zeigte, stets zu behaupten pflegte, die Konklusion ergo bibamus passe zu allen Prämissen. Es ist schön Wetter, ergo bibamus! Es ist ein hässlicher Tag, ergo bibamus! Wir sind unter Freunden, ergo bibamus! Es sind fatale Burschen in der Gesellschaft, ergo bibamus! So setzt auch Newton sein ergo zu den verschiedensten Prämissen. Das gebrochene Lichtbild ist ganz und stetig gefärbt; also ist das Licht divers refrangibel. Es hat eine weiße Mitte, und doch ist es divers refrangibel. Es ist einmal ganz weiß, und doch ist es divers refrangibel. Und so schließt er auch hier, nachdem er in diesen drei Experimenten doppelt und dreifach Ränder und Grenzen des Lichts und Schattens gebraucht:

* Ergo bibamus: also laßt uns trinken (Hrsg.).

 

392.

Deswegen muss man diese Farben aus einer andern Ursache herleiten als von neuen Modifikationen des Lichtes durch Refraktion und Schatten.

 

393

Diese Art Logik hat er seiner Schule überliefert, und bis auf den heutigen Tag wiederholen sie ihr ewiges ergo bibamus, das ebenso lächerlich und noch viel lästiger ist, als das Basedowische manchmal werden konnte, wenn er denselben Spaß unaufhörlich wiederbrachte.

 

394.

Dass der Verfasser nunmehr bereit sein werde, die Ursache nach seiner Weise anzugeben, versteht sich von selbst. Denn er fährt fort:

 

395.

Fragt man nun aber nach ihrer Ursache, so antworte ich: das Papier in der Stellung d e ist schiefer gegen die mehr refrangiblen Strahlen als gegen die weniger refrangiblen gerichtet und wird daher stärker durch die letzten als durch die ersten erleuchtet, und deswegen sind die weniger refrangiblen Strahlen in dem von der Tafel zurückgeworfnen Lichte vorherrschend.

 

396.

Man bemerke, welche sonderbare Wendung er nehmen muss, um sein Phänomen zu erklären. Erst hatte er ein gebrochnes und doch völlig weißes Licht. In demselben sind keine Farben sichtbar, wenn die Tafel gerade steht; diese Farben aber kommen gleich zum Vorschein, sobald die Tafel eine schiefe Richtung erhält. Weil er von den Rändern und Säumen nichts wissen will, die nur einseitig wirken, so supponiert er, dass bei schieferer Lage der Tafel wirklich das ganze Spektrum entstehe, aber nur das eine Ende davon sichtbar werde. Warum wird denn aber das ans Gelbe stoßende Grün niemals sichtbar? Warum kann man das Gelbe über die weiße Tafel hin und her führen, so dass es immer im Weißen endigt? Wobei niemals ein Grün zum Vorschein kommt, und dieses ganz naturgemäß, weil hier der gelbe und gelbrote Rand nur einseitig wirkt und ihm der andere nicht entgegenkommen kann. Im zweiten Falle äußert der Rand wieder seine einseitige Wirkung; Blau und Violett entstehen, ohne dass Gelb und Gelbrot entspringen und entgegenstrahlen können.

 

397.

Um recht deutlich zu machen, dass diese Farben hier bloß von dem Rande entstehen, so haben wir zu diesem Versuch eine Tafel mit Erhöhungen, mit Stiften, mit Kugelsegmenten angegeben, damit man sich sogleich überzeugen könne, dass nur eine schattenwerfende Grenze innerhalb des gebrochenen, aber noch weißen Lichtes Farben hervorzubringen imstande sei.

 

398.

Und wo diese weniger refrangiblen Strahlen im Lichte prädominieren, so färben sie es mit Rot oder Gelb, wie es einigermaßen aus der ersten Proposition des ersten Teils dieses Buchs erscheint,

 

399.

Dieses Newtonische einigermaßen heißt auch hier in der Hetmanischen Manier- gar nicht. Denn aus der Proposition kann nichts erscheinen oder hervortreten, als insofern sie bewiesen ist; nun haben wir umständlich gezeigt, dass sie nicht bewiesen ist, und sie lässt sich also zu keiner Bestätigung anführen.

 

400.

und wie künftig noch ausführlicher erscheinen wird.

 

401.

Mit dem Künftigen hoffen wir so wohl als mit dem Vergangenen fertig zu werden.

 

Vierter Versuch

402.

Hier führt Newton den Fall mit Seifenblasen an, welche ihre Farbe verändern, ohne dass man sagen könne, es trete dabei eine Veränderung der Grenze des Lichts und Schattens ein. Diese Instanz passt hier gar nicht. Die Erscheinungen an den Seifenblasen gehören in ein ganz anderes Fach, wie in unserem Entwurfe genugsam auseinandergesetzt ist.

 

403.

Wenn man zwar im ganzen behauptet, dass zur Entstehung der Farbe ein Licht und Schatten, ein Licht und Nichtlicht nötig sei, so kann doch diese Bedingung auf gar vielerlei Weise eintreten. Beim Refraktionsfall spricht sich aber jene allgemeine Bedingung als eine besondere, als Verrückung der Grenze zwischen Licht und Schatten aus.

Goethe bemerkt hier: Diese Farben gehören in ein anderes Fach, weil sie bereits mitten zwischen den physischen Farben, die eben nur werdende sind, und den chemischen, die bereits vollständig fixiert sind, drinnen stehen. Es können daher für sie nicht mehr dieselben Methoden gelten wie für die rein physischen Farben. (R. Steiner)

 

404.

Zu diesen Versuchen kann man noch das zehnte Experiment des ersten Teils dieses Buchs hinzufügen.

 

405.

Wir können das, was hier gesagt ist, übergehen, weil wir bei Auslegung jenes Versuches schon auf die gegenwärtige Stelle Rücksicht genommen.